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Netflix-Doku „Babo – Die Haftbefehl-Story“: Kompletter Absturz

Haftbefehl, der eigentlich Aykut Anhan heißt, ist ein Superstar in Deutschland, eine Rap-Legende. Am 28. Oktober erschien „Babo – Die Haftbefehl-Story” auf Netflix. Die Dokumentation zeigt tiefe Abgründe und absolute Selbstzerstörung.

Haftbefehl wird von seinen Fans gefeiert. Foto: Netflix
Haftbefehl wird von seinen Fans gefeiert. Foto: Netflix

„Ich war nicht in der Schule. Ich war am Marktplatz und habe Drogen verkauft”

Oft sind Netflix-Dokumentationen über Promis einfach weichgefilterte Promofilme. Die „Haftbefehl Story“ ist das Gegenteil davon. Zwei Jahre begleiteten die Filmemacher ihn privat. Es geht um seine Familiengeschichte, seine eigene Familie mit Frau und Kindern, und die Kunstfigur Haftbefehl, die einerseits untrennbar und andererseits nicht mit Aykut zusammenzubringen sind. Vor allem aber geht es um Drogenmissbrauch und psychischen Absturz.

„Ich war nicht in der Schule. Ich war am Marktplatz und habe Drogen verkauft.” Der Film geht zurück in Aykut Anhans traumatische Kindheit nahe Offenbach. Seine Brüder kommen zu Wort und erzählen, untermalt von krisseligen Originalaufnahmen aus dieser Zeit, von Kriminalität und dem Leben auf der Straße, Drogen und vom schwer kranken Vater, der Suizid beging, als Aykut 14 Jahre alt war. 

Und wie all das in seiner Kunst mündete. Er wird von Rapkollegen wie Kool Savas, Liz oder Peter Fox als „Sprachrohr” bezeichnet, als „Spiegelbild der gebrochenen Jugend”. Auch der im Mai verstorbene Rapper Xatar spricht über Haftbefehls Kunst. Tracks wie „Chabos wissen wer der Babo ist” oder „Ich rolle mit meinen Besten” prägten eine ganze Generation und gaben vor allem migrantischen Jugendlichen eine Stimme.

Aykut Anhan als Kind. Mit 13 Jahren konsumierte er das erste Mal Kokain. Foto: Netflix
Aykut Anhan als Kind. Mit 13 Jahren konsumierte er das erste Mal Kokain. Foto: Netflix

Während Aykut in der Gegenwart, oder viel mehr Haftbefehl, lebt wie ein Rockstar, zwischen Festivals mit völlig aufgepeitschten Fans, Drogen und Exzess, zeigen harte Schnitte die ruhige Lebensrealität seiner Familie. Seine Frau Nina Anhan hat keine Zeit für Party, denn sie kümmert sich rund um die Uhr um die zwei gemeinsamen Kinder. Vor der Kamera findet sie sehr ehrliche Worte. Manchmal wünsche sie sich ein anderes Leben zurück. Sie weint. Aykut kommt völlig zugedröhnt nach Hause, schläft im Auto vor dem Einfamilienhaus. Er liebe seine Kinder, sagt er, aber auch: „Das ist einfach nicht mein Leben. Ich werde niemals der Vater aus der Kellogg’s-Werbung sein.”

Aykut Anhan mit seiner Frau Nina. Foto: Netflix
Aykut Anhan mit seiner Frau Nina in „Babo – Die Haftbefehl-Story“. Foto: Netflix

Die Haftbefehl-Story: „Die Seele leidet am meisten unter Koks”

Die Aufnahmen zeigen ihn leiden, konsumieren. Er schwitzt, blutet, atmet schwer. Das Ganze gipfelt in einer absichtlichen Überdosis und einem Klinik-Aufenthalt in Istanbul. Besonders verstörend ist der Blick auf die Nase des Rappers. Im Laufe der Doku fällt sie in sich ein, hängt schlapp herunter – vermutlich aufgrund von Kokain, das seine Nasenscheidewand weggeätzt hat. Aber er sagt: „Die Seele leidet am meisten unter Koks“ – und man glaubt es ihm sofort. 

Die Doku zeigt einen schwer kranken Menschen ganz nah und zerbrechlich. Wäre sie ein fiktionales Drama, wäre sie großartig: gleichzeitig emotional und unterhaltsam. Eine komplexe Hauptfigur, verwobene Erzählstränge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Aykut Anhan und seiner Kunstfigur Haftbefehl. Unterlegt mit „069” und „Chabos wissen wer der Babo ist.”

Dass es diesen Menschen und seine Familie aber wirklich gibt, macht den sehr drastischen Film auf einer ganz anderen Ebene traurig und verstörend. „Willst du wirklich, dass ich dich so zeige?”, fragte ihn Juan Moreno, Spiegel-Autor und Regisseur der Doku, am Ende des Filmes, und der Mann mit der kaputten Nase und der kaputten Seele besteht darauf.

  • Babo – Die Haftbefehl-Story 2025, 92 min., R: Juan Moreno, Sinan Sevinc, seit 28.10.2025 auf Netflix

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