Kommentar

Corona-Blues und die digitale Berieselung: Netflix ist Opium fürs Volk

Es ist Corona, Lockdown, Isolation und dann auch noch Winter. Was soll man tun, wenn Arbeit und Alltagspflicht erledigt sind? Sich mit dem Partner unterhalten oder mit den Kindern spielen. Ein gutes Buch lesen oder mal wieder Freunde und Familie anrufen. Etwas häusliches Workout oder ein kreatives Projekt angehen. Klar, in einer idealen Welt macht man all diese Dinge. In Wirklichkeit aber schiebt man sich aufs Sofa oder gleich ins Bett und glotzt.

Ich sehe nur Netflix. Foto: Imago/Joko
Ganz viel machen in der Pandemie? Ich sehe nur Netflix. Foto: Imago/Joko

Serien, Dokus, Filme, Shows und dann wieder Serien. Vor allem Serien. Am besten auf Netflix. Oder auf Amazon Prime oder bei Disney Plus, auch gut. Es soll ja Leute geben, die noch lineares Fernsehen schauen, außerdem gibt es ja die Mediatheken, YouTube und das wirklich gute Digitalangebot der Berliner Bibliotheken. Allein daraus ließe sich monatelang das Streaming-Programm bestreiten.

Ich liebe Netflix, Amazon und die anderen auch, ich schaue Serien. Viele. Zuletzt „Weissensee“, „Little Big Lies“, die letzte Staffel von „The Walking Dead“ und die wirklich bezaubernde Serie in der Arte-Mediathek „The Detectorists“. Die Filme gar nicht mitgezählt. Woody Allens „Society Café“, Frederic Wisemans Dreistunden-Epos über die New York Public Library und Andres Veiels gut gelungenes RAF-Drama „Wer wenn nicht wir“. Das alles nur im Januar.

Ich verbringe den meisten Teil meiner wachen Lebenszeit in digitalen Sphären

Trotz Job, Kind, Partnerschaft, Haushalt und gelegentlichen Spaziergängen im Park habe ich mich in diesen ersten Wochen des neuen Jahres Dutzende Stunden lang berieseln lassen. Zählt man noch die Sozialen Medien, WhatsApp und die, ich bekenne, etwas zu oft benutzte Online-Scrabble-App hinzu, verbringe ich den meisten Teil meiner wachen Lebenszeit in digitalen Sphären.

Meist bin ich damit allein, aber ich bin nicht der einzige. Netflix hat in Deutschland mehr als sieben Millionen Kunden, die anderen Dienste etwas weniger, im Durchschnitt konsumiert der Deutsche zwei bis drei Stunden Streaming am Tag. Die Zahlen sind je nach Quelle unterschiedlich, aber im Corona-Winter dürften sie eher gestiegen sein. Das Smartphone errechnet jede Woche die durchschnittliche Bildschirmzeit, schauen Sie mal drauf und addieren dann die Stunden vor dem Rechner oder Fernseher.

Das Bedürfnis nach Zerstreuung und Geschichten ist so alt wie die menschliche Kultur selbst. Von Erzählungen am Lagerfeuer in dunklen Höhlen, über Schauermärchen in der Waldhütte bis zum Glanz der Kinoleinwand sehnt sich der Mensch seit jeher danach, der Realität zu entfliehen. Sich mit etwas anderes beschäftigen als mit sich selbst.

Wir kommen da nicht raus. Geschichten sind das wahre Opium für das Volk. Sie berauschen, erregen, füllen uns aus und bei Überdosierung stumpfen sie ab. Wer stundenlang Serien bingt, kennt dieses schummrige Gefühl im Kopf, die lähmende Müdigkeit, gepaart mit einer diffusen Unruhe und Unzufriedenheit.

Die Kritik an Massenmedien ist so alt wie die Massenmedien selbst

Nicht ganz so alt wie das Bedürfnis nach Zerstreuung – aber auch ziemlich alt – ist die Kritik an den Massenmedien. Sie ist nämlich in etwa genauso alt wie die Massenmedien selbst. Der Philosoph Marshall McLuhan hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, ebenso Großdenker wie Michel Foucault. Und überhaupt hat die Medienkritik in Deutschland spätestens seit den Tagen der Frankfurter Schule einen guten Stand.

Ausgehend von Adorno und Horkheimer, die in der „Dialektik der Aufklärung“ die moderne Kulturindustrie anprangerten, bis zu Hans Magnus Enzensberger arbeiteten sich die brillantesten Geister an den Massenmedien ab. Heute übernehmen die Sache rhetorisch versierte Medienjournalisten wie Stefan Niggemeier und auch in der Popkultur fand diese Kritik einen Widerhall.

„Ich glotz TV“ von Nina Hagen & Band (1978)

Mal nostalgisch wie in „Video Killed The Radiostar“ der Buggles, trotzig wie in „Radio brennt“ von Die Ärzte oder punkig-desillusioniert in Nina Hagens „Ich glotz TV“. Damals waren die Dealer der Berieselung noch öffentlich-rechtlich oder das aufkommende Privatfernsehen, heute sind es internationale Großkonzerne. An der Situation hat sich nichts verändert – außer dem Angebot.

Das Problem ist also nicht neu, genauso aber auch die Ausweglosigkeit. Es hilft nichts gegen das Glotzen. In den kurzen klaren Momenten mitten im „Corona Blues“ wird mir das so richtig klar und damit auch die eigene Abhängigkeit vom Stream. Doch einfach aufhören geht nicht. Wer mal versucht hat, mit dem Rauchen aufzuhören, der Flasche zu entsagen, ja selbst mal auf Zucker oder Kaffee zu verzichten, weiß, welche Disziplin das Loskommen von der Sucht erfordert. Und welche Anstrengung.

Aber muss man überhaupt von der digitalen Dauerberieselung wegkommen?

Aber muss man überhaupt von der digitalen Dauerberieselung wegkommen? Vermutlich nicht. Sie macht Spaß und die Leberwerte und Lunge bleiben sauber. Alles gut, solange der Konsum in kontrollierten Maßen stattfindet. Das stimmt. Was heißt aber „kontrolliert“. Ein ungutes Gefühl bleibt.

Irgendwie befürchte ich, dass diese Hunderte und Tausende Stunden, die ich in meinem Leben vor der Glotze verbracht habe, im Großen und Ganzen verschwendete Lebenszeit waren. Aber vielleicht sind das ja nur triste Gedanken, die im bedrückenden Schatten der Pandemie gedeihen. Egal. Mal sehen, was auf Netflix läuft. Ich glaube, die neue Staffel von „Snowpiercer“ ist online.


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