Interview

Florian Lukas über „Die Wespe“: Darts, Wampe, Vokuhila und Verlierer

Florian Lukas spielt die Hauptrolle in der neuen Sky-Serie „Die Wespe“: Er ist Eddie Frotzke – mit Vokuhila und leichter Wampe. Sein Leben? Darts, dieser in kleinen Kneipen so beliebte Sport. Dass man damit auch große Hallen füllen und Weltstar werden kann, war Lukas vorher gar nicht klar, aber seine Figur in Jan Bergers Serie ist von Glamour eh weit entfernt. Wir sprachen mit Lukas über Frisuren, Kalorien, frühere Rollen („Goodbye, Lenin!“, „Weissensee“) und die Berliner Ost-West-Differenzen.

Florian Lukas spielt Eddie Frotzke in der Serie "Die Wespe". Wir sprachen mit dem Schauspieler über Darts, Berlin, Frisuren und mehr. Foto: © 2021 Sky Deutschland/Gaumont GmbH/Nadja Klier
Florian Lukas spielt Eddie Frotzke (links. Rechts daneben: Florian Scheicher) in der Serie „Die Wespe“. Wir sprachen mit dem Schauspieler über Darts, Berlin, Frisuren und mehr. Foto: 2021 Sky Deutschland/Gaumont GmbH/Nadja Klier

Florian Lukas wollte immer mal eine Vokuhila-Frisur

tipBerlin Herr Lukas, was hat Sie an der Figur von Eddie Frotzke gereizt? Ein ehemaliger Darts-Meister, der zu Beginn der Serie „Die Wespe“ ziemlich heruntergrockt wirkt?

Florian Lukas Dass er ein Berliner ist, das fand ich großartig. Dass man sich so breit wie möglich in diesem Dialekt machen kann, das war wie ein gemachtes Bett, in das ich mich legen konnte. Ich kenne diese Leute wie Eddie, und mag die auch, die sind so wie die Stadt, direkt und auch echt krass teilweise, aber auch mit einem warmen Herz – na ja, je nach Situation. Dann fand ich es super, mich mit etwas zu beschäftigen, wovon ich keine Ahnung hatte: Darts. Ich hab vielleicht mal vor 20 Jahren drei Plastepfeile in einer Kneipe geworfen. Und dann wollte ich immer mal einen dicken Bauch haben, und auch eine Vokuhila-Frisur.

tipBerlin Der Bauch ist drangeklebt, oder?

Florian Lukas Nö, nö, den hab ich mir richtig angelegt. Ich hatte drei Monate Zeit, mir den anzufressen, zehn Kilo, und das hab ich dann auch gemacht.

Stimmiger Look: Die Serie „Die Wespe“Foto: 2021 Sky Deutschland/Gaumont GmbH/Nadja Klier

tipBerlin Was haben Sie gegessen?

Florian Lukas Einfach von allem mehr. Aber jetzt auch nicht so, dass ich übermäßig Kalorien geschaufelt hätte. Ich esse gern, ich muss mich sowieso meistens disziplinieren. Ich esse super gerne Kuchen. Davon konnte ich dann vier Stück essen. Ohne dass mir davon schlecht wurde.

tipBerlin Robert De Niro ist dafür berühmt geworden, dass er sich für „Wie ein wilder Stier“ einen Wanst zugelegt hat. Und dann wieder heruntertrainiert.

Florian Lukas Ich war zuerst einmal erstaunt, wie schnell es geht, dass man zunimmt. Das ist auch ein bisschen erschreckend am Anfang. Eine Menge Fett am Körper zu haben, da kommt dann auch bald zwischendurch die Angst, dass das nie wieder weggeht, dass mein Bauch sich so ausdehnt. Sobald die Dreharbeiten anfingen, war ich aber richtig stolz auf meinen Bauch. Hinterher hatte ich dann nur acht Wochen, um den wieder loszuwerden.

„Wie ein mit Bauchschuss verletzter Soldat aus dem Schützengraben“

tipBerlin Wie schafft man das?

Florian Lukas Wir haben in „Die Wespe“ ja auch ein paar Szenen, in denen Eddie Frotzke anfängt, wieder Sport zu machen. Jan Berger, der Autor, hat da als ersten Satz geschrieben: Es soll Joggen sein. Eddie Frotzke stürzt sich hinein wie ein mit Bauchschuss verletzter Soldat aus dem Schützengraben. Das traf es ziemlich gut.Das traf ziemlich auf mich zu. Ich habe drei Wochen gebraucht, bis ich am Stück wieder ’ne halbe Stunde joggen konnte.

Ansonsten aber lief es recht einfach: abends eigentlich nichts mehr essen und viel Hunger haben. Aber ich wollte bei dem nächsten Film, der an einem Strand in Italien spielt, wieder einigermaßen normal aussehen. Dafür gab’s da dann jetzt im September und Oktober jeden Tag Pizza und Pasta.

tipBerlin Was haben Sie gerade gespielt?

Florian Lukas Ein subtiles Drama. Was ganz anderes. Zwei Paare mit jeweils einem Sohn fahren gemeinsam auf Urlaub, daraus ergibt sich ein ganz feines Geflecht an Verstörungen. Ein stiller, leiser Film, wenig Geld, aber in sehr schöner Umgebung. Mit sehr viel Empathie und Humor gemacht.

tipBerlin Warum sehen die meisten Menschen gern Geschichten über Verlierer wie Eddie Frotzke?

„Wenn du deinen Platz im Leben verlierst, finden wir das in solchen Figuren wieder“

Florian Lukas Die Angst, zu fallen oder zu scheitern oder mit Fehlern nicht zurechtzukommen, die steckt in uns allen. Wir müssen alle immer Strategien finden, dass das irgendwie funktioniert. Hier haben wir es mit jemand zu tun, der überhaupt nichts checkt. Eddie hat ein beneidenswertes Selbstverständnis, er versteht überhaupt nicht, in welcher Welt er lebt. Davor fürchte ich mich hin und wieder, dass ich Dinge völlig falsch einschätze.

Wenn du deinen Platz im Leben verlierst, finden wir das in solchen Figuren eben wieder. Und wenn du dem mit Humor begegnen kannst, dann fühlt man sich nicht alleine. So verstehe ich auch meinen Beruf: Finde die Anteile dieser Figur in dir selber, und zeig sie her. Wie Leute Probleme meistern, ist immer interessant. Das kann man in Gruppentherapien erfahren, oder als Zuschauer im Kino.

tipBerlin Was zeichnet den Autor Jan Berger aus?

„Die Wespe“-Autor Jan Berger hat weitere Staffeln fertig

Florian Lukas Jan Berger ist mir ein absolutes Rätsel. Ich habe ihn bei der ersten Leseprobe kennengelernt. Wie viele Autoren ist er ein stiller Mensch, sehr in sich gekehrt. Oberflächlich würde man ihm nicht zutrauen, sprachlich so virtuos zu sein. Für mich ist das ein abolutes Rätsel, wie man so was schreiben kann. Ich guck in diese Drehbücher wie in eine Partitur, für mich ist er ein Komponist. Unglaublich bewundernswert. Er hat schon die zweite und dritte Staffel fertig, obwohl nicht mal klar ist, ob wir die überhaupt machen dürfen. Ich weiß nicht, wo dieser schüchterne Jan Berger diese Schlagfertigkeit hernimmt.

tipBerlin Wahrscheinlich ist er gar nicht schüchtern, sondern hält sich nur vornehm zurück.

Florian Lukas Er nimmt auf jeden Fall das Komische super ernst. Wir haben das dann auch genau so durchgezogen, wir haben versucht, voreinander zu verstecken, dass wir alles total lustig fanden. Es gab nur einen Moment, in dem ich dachte, ich brech’ zusammen, das war, als der nackte Ehemann in die Sauna kommt. Das ist eine so dermaßen absurde Situation, die aber ernst gespielt werden musste.

In „Die Wespe“ trifft sich ein Gesamt-Berlin, das viel älter ist

tipBerlin Täusche ich mich, oder sehen wir in „Die Wespe“ ein Berlin, das keinerlei Spuren der früheren Teilung mehr zeigt?

Florian Lukas Ich glaube nicht, dass es diese vereinigte Stadt gibt. Wenn die Leute behaupten, es gibt diese vereinigte Stadt, dann kommen sie meistens nicht von hier. Oder wissen gar nicht, in welchem Teil sie sich aufhalten. Für die meisten Berliner gibt es das nicht. Wir treffen uns aber im Humor und im Dialekt. Jan Berger ist Friedenauer, ich bin Prenzlauer Berger, ich kenne auch Schönebergerinnen und so, da höre ich wirklich keinen Unterschied. In „Die Wespe“ trifft sich ein gesamtes Berlin, das viel älter ist. Auf der Ebene verstehen wir uns blind. Eddie kommt aus West-Berlin, die Regisseurin Hermine Huntgeburth hat das aber komplett rausgenommen.

tipBerlin Die Milieus von früher muss man inzwischen in vielen Teilen der Stadt mit der Lupe suchen.

„Ich erkenne Berlin kaum noch als meine Heimatstadt“

Florian Lukas In West-Berlin ist zwanzig, dreißig Jahre früher passiert, was dann in Ost-Berlin geschehen ist, nämlich dass die Berliner verdrängt wurden, zuerst von Westdeutschen, heute eben von allen möglichen Leuten aus der ganzen Welt. Die Stadt hat sich total verändert, man muss da jetzt auch nicht super traurig darüber sein, die Welt entwickelt sich halt. Sonst würde man immer noch in Ruinen wohnen. Aber ich erkenne Berlin kaum noch als meine Heimatstadt.

tipBerlin Dabei sind Sie nach „Weissensee“ und „Goodbye, Lenin“ eine Identifikationsfigur gerade für die Erinnerung an die frühere DDR.

Florian Lukas Ich kann damit leben, wobei ich aber keinen Wert darauf lege, Ossis zu spielen. Ich bin nach „Weissensee“ stark auf Ost-Figuren identifiziert worden, habe ich alles nicht gemacht. Bei Eddie Frotzke war ich froh, dass er kein Ost-Berliner ist. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt auffällt. Eddie ist ein Berliner.

„Ich freue mich schon, wenn Leute überhaupt wissen, wie man diesen Bezirk betont“

tipBerlin Sie waren eine Weile in Kleinmachnow daheim, sind inzwischen aber wieder Innenstädter.

Florian Lukas Ich wohne jetzt in Weißensee, das ist eigentlich die Gegend, wo ich ursprünglich herkomme. Da hat sich tatsächlich noch nicht so viel verändert. Ich freue mich schon, wenn Leute überhaupt wissen, wie man diesen Bezirk betont. Die meisten Zugezogenen betonen das auf der ersten Silbe. Das finde ich schon erstaunlich, da braucht man ein offenes Ohr, und wenn man jemand darauf anspricht, dass das Weißensee lauten muss, Betonung auf See, dann hört man oft als Reaktion: „Wieso?“

tipBerlin So reagieren Menschen, die zuerst einmal davon ausgehen, dass sie im Recht sind.

Florian Lukas Ich höre da eine gewisse Geisteshaltung heraus, die eine Menge innerdeutscher Probleme kreiert hat.

Lisa Wagner in der Serie "Die Wespe". Was hier etwas runtergerockt aussieht, ist eigentlich ziemlich fancy: das Café im Sudhaus des Neuköllner Kindl-Zentrums für zeitgenössische Kunst. Foto: © 2021 Sky Deutschland/Gaumont GmbH/Nadja Klier
Lisa Wagner in der Serie „Die Wespe“. Was hier etwas runtergerockt aussieht, ist eigentlich ziemlich fancy: das Café im Sudhaus des Neuköllner Kindl-Zentrums für zeitgenössische Kunst. Foto: 2021 Sky Deutschland/Gaumont GmbH/Nadja Klier

tipBerlin Haben Sie Darts wenigstens aus dem Fernsehen gekannt? Der Sport ist ja ziemlich groß.

Florian Lukas Bis dahin nicht. Ich hatte keine Ahnung. Als ich mich dann beschäftigt habe, war wieder WM. Ich wusste nicht, dass man damit eine Halle mit zehntausend Leuten füllen kann, und dass Berufsspieler auch reich und berühmt werden können.

tipBerlin Haben Sie es insgesamt nicht so mit dem Sport im Fernsehen?

„BFC Dynamo war der Stasi-Verein, da war gefühlt die Hälfte der Fans Faschos“

Florian Lukas Ne, eigentlich nicht. Außer Fußball. Aber ich hab da auch so ein bisschen die Lust verloren. Ich hatte nie einen Stadtverein, es gab Union, die sind in Köpenick, waren damit also zu weit weg. BFC Dynamo war der Stasi-Verein, da war gefühlt die Hälfte der Fans Faschos. In meiner Kindheit habe ich die westdeutsche Nationalmannschaft bewundert, das hat sich lange gehalten, bis aus der Nationalmannschaft Die Mannschaft wurde und ich nicht mehr so richtig verstanden habe, womit ich mich da identifizieren soll.

tipBerlin 1990 waren Sie noch glücklich über den Wende-WM-Titel?

Florian Lukas Ne, das hat mich da nicht interessiert, da war ich viel linker. Da war ich 17, da waren andere Sachen wichtiger. Das war eine unglaublich aufregende Zeit, da war für die Weltmeisterschaft nicht so der Platz. Und dadurch, dass damals viel Rechtsradikalismus im Osten die Straßen beherrschte, hatte ich auch Sorge, dass das ein totaler Nationalrausch wird. Wir werden für Jahrzehnte unschlagbar sein, hat der Beckenbauer damals gesagt. Das war auf den Fußball bezogen, aber das war ein Größenwahn, von dem ich fürchtete, der würde sich als Standard durchsetzen. 96 war ich dann wieder dabei.

tipBerlin Wie kam es dann, dass sie aber doch nicht in der Rigaer Straße gelandet sind, sondern Schauspieler wurden?

Florian Lukas Es war mir einfach zu radikal. Egal, in welche politische Richtung, war mir das suspekt. Ich hab als Kind schon Rundfunk gemacht, ich war Mitglied des Kindersprechensembles in der DDR. Mit 17 habe ich meinen ersten Film gedreht: „Banale Tage“, einer der letzten DEFA-Filme. Ich fand das toll, dass das ein Arbeitsplatz sein konnte, zusammen mit einem Team etwas zu schaffen, das nur im Moment existiert. Eigenständig, aber nur zusammen mit anderen. Ich musste aber 30 Jahre alt werden, um zu akzeptieren, dass das wirklich mein Beruf ist.

tipBerlin Welcher Film hat Ihnen das bewusst gemacht?

Florian Lukas Das waren mehrere. Ich hatte damals viele Kontakte zur DFFB. Da hab ich Lars Kraume kennengelernt, mit ihm habe ich den Abschlussfilm „Dunckel“ gemacht. Sönke Wortmann hat mich für „St. Pauli Nacht“ engagiert, Til Schweiger für sein Debüt „Der Eisbär“ und Sebastian Schipper für „Absolute Giganten“. Das war alles so 1998, 99, mein erstes Kind kam, damit kam auch Verantwortung. Nach „Good Bye, Lenin!“ (2002) konnte ich nicht mehr drumherum gucken: das ist mein Beruf. Erkenne das an!

tipBerlin „Die Wespe“ ist eine kurze Serie. Auf ein längeres Serien-Engagement, vielleicht einen Kommissar irgendwo, haben Sie sich bisher nicht eingelassen. Wollen Sie sich nicht so festlegen lassen?

Florian Lukas Ich hatte eigentlich immer viel zu tun. Es wäre aber auch wohl mühsam, immer wieder für eine Qualität zu kämpfen, die oft gar nicht gewollt ist. Ich mag die Abwechslung in dem Beruf.

  • Die Wespe Sechs Episoden à 42 Minuten, Erstausstrahlung ab 3.12.201 auf Sky

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