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„The Third Man“ von Carol Reed

Exzellent verstanden Reed, Greene und der oscarprämierte Kamaramann Robert Krasker (mit einer quasi-expressionistischen Schwarzweiß-Fotografie mit scharfen Kontrasten und verkanteten Perspektiven) die Atmosphäre in der zerstörten Stadt mit ihren durch den Krieg zusammengewürfelten Bewohnern verschiedener Herkunft einzufangen: die vielen Sprachen, die Wurzellosigkeit der Menschen, ihre kleinen und großen Schiebereien auf dem Schwarzmarkt.
Und mitten drin befindet sich einer, der das alles nicht versteht: Holly Martins (Joseph Cotten), ein leicht begriffsstutziger amerikanischer Autor von Groschenromanen, der, kaum in Wien angekommen, auch schon der vermeintlichen Beerdigung seines alten Freundes Harry Lime beiwohnen muss. Die Verwicklungen, die sich aus Hollys unbedarften Nachforschungen zu Harrys angeblichem Unfalltod ergeben, inszeniert Reed in einer Mischung aus Thriller, Melodram und schwarzer Komödie und bietet dabei Orson Welles den bestmöglichen Auftritt eines Filmschurken. Denn obwohl er lediglich eine Viertelstunde lang zu sehen ist, kreist der ganze Film um den Penicillin-Schieber Harry Lime, den ominösen „dritten Mann“. Oder besser: um seine Abwesenheit, die eine ungeheure Erwartungshaltung schafft.
Umso brillanter schließlich seine Einführung in die Geschichte: In einem dunklen Hauseingang sieht man zunächst nur Limes Beine, um die der Kater („He only likes Harry“) seiner Geliebten Anna (Alida Valli) streicht. Dann fällt Licht aus einem gegenüberliegenden Fenster auf sein Gesicht, und einen kurzen Moment lang offenbart sich der tot geglaubte Harry mit dem wohl spitzbübischsten Lächeln der Filmgeschichte den Blicken des ebenso betrunkenen wie überraschten Holly Martins. Ebenso denkwürdig: die berühmte Riesenradfahrt mit Limes zynischer Rechtfertigung seiner Schiebereien, und natürlich das tödliche Finale in den Wiener Abwasserkanälen.
Studiocanal/Arthaus bringt den Klassiker jetzt auf DVD/Blu-Ray/VOD mit fast dreistündigem, informativem Bonusmaterial heraus: Eine abendfüllende Dokumentation (Regie: Frederick Baker) zur Entstehung des Films lässt die Schauplätze noch einmal Revue passieren, treibt Mitwirkende an der Produktion auf (darunter den späteren James-Bond-Regisseur und damaligen Regieassistenten Guy Hamilton, und den Darsteller des kleinen Jungen, der Holly Martins im Film mit lauten „Mörder, Mörder“-Rufen denunziert) und erzählt mit vielen O-Tönen von den Auseinandersetzungen des britischen Produzenten Alexander Korda mit Hollywood-Mogul David O. Selznick, der mit Alida Valli und Joseph Cotten zwei seiner Stars für die Produktion abstellte und die Vertriebsrechte in den USA besaß.
Eine weitere spannende Doku befasst sich mit Leben und Werk des Autors Graham Greene, dem theoretisch wie praktisch an der Sünde interessierten, zweifelnden und manisch-depressiven Katholiken. Und schließlich erfährt man durch eine Radiosendung von 1951 („A Ticket to Tangiers“) auch noch, wie Orson Welles die Popularität seiner Schurkenfigur vermarktete: In der Reihe „The Lives of Harry Lime“ ließ der Star und Autor den toten Harry für obskure Geschichten wiederaufleben, die abgesehen von einem unterhaltsamen Zynismus kaum mehr als den Namen mit dem originalen „Dritten Mann“ zu tun haben. Und natürlich das Harry-Lime-Leitmotiv vom Zithervirtuosen Anton Karas, das sich als Klassiker der Popmusik bereits damals verselbstständigt hatte.  

Text: Lars Penning

Foto: Studiocanal

The Third Man, GB 1949; Regie: Carol Reed; Darsteller: Joseph Cotten (Holly Martins), Orson Welles (Harry Lime), Alida Valli (Anna Schmidt), Trevor Howard (Major Calloway); 101 Min. + 176 Min. Bonusmaterial; erschienen bei Studiocanal/Arthaus

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