Kino & Stream

Stummfilmkino im Central Rixdorf

Jakob Damms

Es knarzt und rumpelt, und wenn sich jemand auf den Stühlen bewegt, knarren die Dielen. Auf der Leinwand ist das Holzgetriebe einer Windmühle zu sehen, das sich erstaunlich leise bewegt, während der Boden im Central Rixdorf ächzt. Wer jetzt die Augen schließt, glaubt sich tatsächlich in einer Bockwindmühle des 19. Jahrhunderts. Der Film soll das Publikum auf den Hauptfilm einstimmen. „Der Fluch der Mühle“ („Le Moulin maudite“) steht auf dem Programm, ein Stummfilm von 1909, der von der Pianistin und Sängerin Sandra Maria Morr sowie Georg von Weihersberg begleitet wird.
Dolby, 3D, 4K-Projektor – die Kinotechnik hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Das Filmbild wird immer besser, der Ton kommt aus allen Ecken, und Tongestaltung ist längst ein komplexes dramaturgisches Mittel geworden. In einem solchen Umfeld wirken Stummfilme wie Autos, denen der Motor ausgebaut wurde. Die Faszination, die Kino einmal ausmachte, als es noch eine Attraktion auf Jahrmärkten war und fahrende Händler in Zelten oder Kneipen Filme präsentierten, ist heute jedenfalls nicht mehr nachvollziehbar. Damit mochte Jakob Damms (Foto) sich nicht abfinden, er nahm sich vor, den Thrill von früher wiederzuerwecken.
Seit vier Jahren bietet er mit dem Cinema Mobile Zeitreisen an, die zum charmantesten gehören, was das Kino in Berlin derzeit zu bieten hat. Damms setzte da an, wo das aktuelle Multiplexkino scheitert. Es ist perfekt in der Darbietung, aber seelenlos in seiner Erscheinung. Das ist bei Cinema Mobile-Veranstaltungen anders. Hier werden die Stummfilme nicht nur mit Live-Begleitung von Musikern und Filmerzählern präsentiert, hier gibt es kleine Inszenierungen, die mit dem ausgewählten Film und der Vorführsituation spielen. Museal ist hier gar nichts.
Maudite soit la guerreGezeigt werden Filme, die meist vor dem ersten Weltkrieg entstanden. Sie werden vorgeführt wie vor 100 Jahren, mit handgetriebenem Projektor (Baujahr 1916), der mitten im Zuschauerraum steht. Zu den Highlights der letzten Monate gehörten Programme wie „Herrenabend“, das plüschige Pornos aus der Kaiserzeit präsentierte, oder die Vorstellungen mit Teilen der „Bull Arizona“-Trilogie von Phil Jutzi und Horst Krahй, über den die Film-Prüfstelle 1919 bündig feststellte „Ohne Zweifel wird jeder normale Kinobesucher einen derartigen Schundfilm mit Entrüstung ablehnen.“
Zum festen Bestandteil der Vorführzeremonie gehört ein Schrankkoffer, der in die Raummitte geschoben und aus dem der Projektor herausgeholt wird. Nachdem der Film eingelegt ist, beginnt die Kurbelei, zu der bei langen Filmen das Publikum durchaus mit eingeladen wird. Während die Mechanik leise klappert und das Filmbild leicht flackernd auf der Leinwand erscheint, beginnt die Musik zu spielen. Die Begleitung ist dabei keineswegs auf das Klavier beschränkt, selbst Alphörner haben hier schon zu Filmen getutet.
Noch bis Ende Juni bespielt das Cinema Mobile das Neuköllner Central Rixdorf, ein kleines Ladenlokal, das für Stadtteilkultur genutzt wird. Für das letzte Programm hat Jakob Damms einen Schatz ausgegraben. Alfred Machin gehört zu den großen Unbekannten der Filmgeschichte. Weit über 100 Filme werden ihm zugeschrieben. Gezeigt werden neben seinem frühen Melodram „Le Moulin maudite“ („Der Fluch der Mühle“) von 1909 noch sein bekanntester Titel „Maudite soit la guerre“ („Verfluchter Krieg“), der 1914 die Schrecken des Ersten Weltkriegs vorwegnahm, und „De molens die juichen en weenen“ („Die Mühlen jubeln und weinen“) von 1912. Machin war ein hoch professioneller Regisseur, mit einer offensichtlichen Schwäche für Mühlen – und Raubkatzen. Sein Haustier, der Panther Mirza, verletzte ihn 1929 tödlich. Auch daran erinnert das Cinema Mobile als kleines Gesamtkunstwerk.

Text: Nicolaus Schröder

Foto oben: David von Becker

Stummfilmkino, Mi 8. + Do 9.6., 20 Uhr, Sa 18.6. (Open Air), ab 21.30h, freier Eintritt

Central Rixdorf, Böhmische Straße 46, 12055 Berlin

www.cinemamobile.de

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