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„Sucht“ von Torsten Königs und Christoph Tölle

Sucht

Nach Jahren des Rückgangs ist die Zahl der Drogentoten in Berlin im letzten Jahr wieder leicht angestiegen. 123 Menschen starben in der Hauptstadt im Jahr 2014 an den direkten Folgen des Drogenkonsums. Angesichts von fast vier Millionen Einwohnern mag diese Zahl verschwindend gering scheinen, doch es liegt in der Natur der Sache, dass die Zahl der Drogensüchtigen in Berlin um ein erheblich Vielfaches höher liegt, mit unbekannten Dunkelziffern. Und auch, wenn es sarkastisch klingen mag: wer die Dokumentation von Thorsten Königs und Christoph Tölle gesehen hat, weiß, dass auch die „Sucht“ im Diesseits nichts anderes als ein Tod auf Raten ist.
Eindrücklich porträtieren die Filmemacher vier Drogensüchtige im Großstadtdschungel und zeigen dabei recht schonungslos alle Nebenkriegsschausplätze einer Abhängigkeit. Von der Beschaffungsproblematik bis zu den medizinischen Schwierigkeiten werden die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet und somit gleichzeitig die Unwägbarkeiten einer Prävention aufgezeigt: Jede Drogensucht ist anders. Die Gründe für den Einstieg sind dabei ebenso vielfältig wie der Verlauf der Sucht als solches und damit deren Einfluss auf das Leben des Betroffenen.
Was mit einer Flucht vor dieser Welt beginnt, endet oft in einem Strudel nach unten, an dessen Grund die pure Selbstzerstörung steht. Wer die Aufnahmen des 21-jährigen Juri sieht, wie er sich die Spritze in völlig zerstörte Venen setzt und das Blut nur so spritzt, wird wissen, was mit dieser Selbstzerstörung gemeint ist. Der Russland-Deutsche setzte sich den ersten Schuss nach eigenen Angaben im Alter von 13 Jahren.
Dem neutralen Beobachter wird bei den schonungslosen Einblicken, die die Filmemacher und ihre Protagonisten gewähren, schnell klar, dass es durchaus einer gewissen Veranlagung bedarf, um sich der Diesseitsflucht durch Drogen der unterschiedlichsten Arten zu ergeben. Ihm wird jedoch auch ganz schnell klar, dass den Menschen, die diese Veranlagung in sich tragen, geholfen werden muss – am besten noch vor dem ersten Schuss. Was das angeht, hat die Dokumentation ihren Zweck also absolut erfüllt.

Text: Martin Zeising

Sucht, Deutschland 2012, Regie: Torsten Königs & Christoph Tölle, 87 Minuten, Deutsch, optionale UT: Englisch. Extras: Kino-Trailer, Interview, Einzel-Portraits. FSK ab 12 Jahren. Erschienen bei Renaissance Medien

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