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„Summer Book“ im Kino

Sonne sticht auf die bleichen Steine der Festung von Silifke. Sommerstille. Noch. Denn plötzlich wuseln Kinder in azurblauen Hemden und Kleidern ins Bild. Einer der Drittklässler schlägt eine andere Richtung ein: Ali nähert sich und blickt ernst aus dem Bild hinunter auf seine Stadt. Ali, so signalisiert das subtil beobachtende Spielfilmdebüt „Summer Book“ (Tatil ­Kitabi) von Seyfi Teoman schon in den ersten Minuten, ist et­­was anders als die anderen und dennoch ein typischer Junge vom Land.
Die Sommerferien beginnen, in deren Verlauf Teoman Alis Großfamilie porträtieren wird und dabei ganz beiläufig einige Gründe anführt, warum sich ­patriarchale Strukturen in der osttürkischen Provinz Mersin hartnäckig halten.
Ali ist ein bisschen schmäch­­­tig, klug, und daher zur Zielscheibe geworden für einen Älteren, der ihm das Ferienschulbuch, Tatil Kitabi genannt, stibizt. Ersatz dafür gibt es in Silifke nicht. Also verbringt Ali seine Stunden mit dem Vater, Mustafa, einem prinzipienstarren Zitronenbauern. Dessen Härte verdankt der älteste Sohn Veysel ein freudloses Studium beim Militär in Istanbul. Nun will er sich davon loskaufen, den Vater um Geld bitten und traut sich kaum.
Onkel Hasan scheint verständnisvoller, ein geschiedener Metzger, wenn auch von Mustafa ­verachtet. Und die Mutter? Putzt, kocht und grantelt. Folglich konzentriert sich Regisseur Teoman auf seine vier männlichen Figuren. Deren unterschiedliche Altersstufen verdeutlichen, wie sich ein Mann in solch einer Provinzhauptstadt zwangsläufig ­entwickelt. Schade für den aufgeweckten Ali, denn die allgegenwärtige Autorität Mu­­stafas erlaubt kein alternatives Lebensmodell.
Als Mustafa plötzlich stirbt, lockert sich zwar die zähe Konstellation der Abhängigkeiten, doch rasch zeigt der Film, wie  Hasan seinen Platz übernimmt, mit allen negativen Konsequenzen. Stillstand also – in den ­Köpfen wie auf dem Land. Eine eigenartige Lähmung nistet in Seyfi Teomans distanzierten, einprägsamen Bildern. Sie zeigen ein karges eintöniges Leben, ­in dem sich nur Männer wie ­Mustafa zu behaupten scheinen.

Text: Cristina Moles Kaupp

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Summer Book“ im Kino in Berlin

Summer Book (Tatil Kitabi), Türkei 2008; Regie: Seyfi Teoman; Darsteller: Taner Birsel  (Hasan), Tayfun Gunay  (Ali), Ayten Tokun  (Güler); 92 Minuten

Kinostart: 24. Juni

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