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Symposion „Kunst und Revolte“ mit Filmreihe

TheTimeThatRemainsIn der arabischen Welt hängt alles irgendwie mit allem zusammen, mehr noch, als das in der modernen Welt insgesamt nicht ohnehin schon gilt: der muslimische Fundamentalismus mit dem Staat Israel, die autoritären Re­gime mit amerikanischen Stabilitätsinteressen, die Frauenfrage mit Stammesloyalitäten, und natürlich das Jenseits mit dem Diesseits.

Das Kino vertritt fast durchweg eine Stimme der Vernunft, das zeigt
sich nun auch wieder in dem Programm „Kunst und Revolte. Zu den Umbrüchen in den arabischen Gesellschaften“, bei dem in der Akademie der Künste und im Instituto Cervantes eine Woche lang Zeugnisse von der aktuellen Entwicklung präsentiert werden. Der prominenteste Gast ist dabei derjenige, der unter den Eingeladenen am wenigsten direkt mit den Demokratiebewegungen assoziiert wird: Der Palästinenser Elia Suleiman, der sein kritisch-komisches Antinational-Epos „The Time That Remains“ (2009) zeigt und auch eine Masterclass abhalten wird, spricht für jene betroffene Gruppe, die für ihre Verfassungsfragen noch nicht einmal ein Territorium hat. In Szenen von absurder Gewalt zeichnet er nach, wie Israel 1948 sich auf Kosten vieler angestammter arabischer Bewohner ein Staatsgebiet verschaffte, das inzwischen weit über die damalige UN-Grenzlinie hinausreicht. Das, was daraus an Legitimationskonflikten entstand, diente Jahrzehnte als Ablenkung von
dem Reformstau, in den so viele arabische Länder nach dem Aufbruch um 1960 verfielen.

Nun bricht sich die nächste Generation mit ihrem Anliegen Bahn, trifft
aber, wie es in dem ägyptischen Beitrag „Forbidden“ von Amal Ramsis
deutlich wird, überall auf Verbote. Schon mit einer Videokamera auf die Straße zu gehen, ist illegal, der Verkauf von digitalen Tonbandgeräten steht ausdrücklich unter Strafe, viele Frauen wissen sich allerdings zu helfen. Doch dort, wo nicht eines der zahlreichen konkreten Verbote zu einem Polizeikontakt führt, kommen noch die stark ausgeprägten Schamgrenzen hinzu, die den öffentlichen Raum für Frauen zu einem
problematischen Ort werden lassen. Für die westlichen Medien stellen die arabischen Aufbrüche ein ständiges Justierungsproblem dar. Mal konzentrieren sie sich auf Ägypten, dann wieder auf Libyen oder Syrien, während kleinere Länder wie Jemen oder Bahrain schnell an Aufmerksamkeit verlieren.

KingdomofWomenIn „Shouting in the Dark“ kann man sich über den Aufstand in Bahrain informieren, der mit saudi-arabischer Beteiligung unterdrückt wurde und von dem die für Al Jazeera tätige May Ying Welsh in Form einer zusammenfassenden Reportage einen Eindruck gibt. Während in Bahrain ein altes islamisches Konfliktmuster zwischen den „Konfessionen“ Schia und
Sunna eine neue Forme annimmt, steht in Tunesien bereits die eben errungene Freiheit neu zur Disposition, wie aus „Ni Allah, ni Maоtre“ von Nadia El Fani hervorgeht. Die Absage an weltliche-patriarchalische und religiöse Herrschaft („weder Allah noch Herr“) bekommt vor allem angesichts des starken Gewichts Brisanz, das islamistische Gruppen in der Gesellschaft gewonnen haben. Die Parole „Laпcitй, Inch’Allah“ wirkt da in ihrer ganzen Ironie fast schon ein wenig verzweifelt, aber auch hier sind es die digitalen Medien, die den gebildeten, liberalen
Schichten ein wichtiges Selbstverständigungsmittel an die Hand geben.

Damit auch ein Beitrag aus Syrien in das Programm von „Kunst und Revolte“ aufgenommen werden konnte, bedurfte es eines Kompromisses: Denn „Damascus Roof and Tales of Paradise“ von Soudade Kaadan ist aus dem Jahr 2010 und damit eigentlich älter als die aktuellen Bewegungen. Umso bedeutsamer ist es, hier einen Alltag unter einem alten Regime zu sehen, das sich mit größter Brutalität an der Macht zu halten versucht. Der Rückzug ins Private, in das Erzählen von Geschichten erweist sich hier als wesentliche politische Option, und auch hier ist es der Sender Al Jazeera, der die Gegenöffentlichkeit maßgeblich mitprägt. Mit den zahlreichen Gästen und Veranstaltungen sollte es auf jeden Fall gelingen, einen differenzierten Begriff von Demokratie zu entwickeln, wie er den gesellschaftlichen Verhältnissen in den arabischen Ländern angemessen ist. Berlin als Außenstelle der „Arabellion“ – das verdient Aufmerksamkeit und Unterstützung

Text: Bert Rebhandl

Kunst und Revolte – zu den Umbrüchen in den arabischen Gesellschaften
Mi 29.2. bis Di 6.3.,
Instituto Cervantes Berlin, Rosenstraße 18-19, Mitte,
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten;
www.cervantes.de

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