Dokumentarfilm

„Taste of Cement“ im Kino

Hinter Metallgittern: Der „Taste of Cement“ belastet syrische Bauarbeiter im Libanon

Rosen deutschfilm

Der Dokumentarfilm boomt, er macht ­einen nicht geringen Prozentsatz aller in Deutschland in die Kinos kommenden Filme aus. Das liegt zum Teil an überholten Regula­rien deutscher Filmförderungsrichtlinien, aber auch daran, dass man Dokumentarfilme relativ günstig herstellen kann, seit digitales Equipment preiswert zu erwerben ist. Doch in der Masse der Dokumentationen sind die Filme mit ausgeprägtem Formgefühl selten geworden. Es herrscht ein simpler, Authentizität und Unmittelbarkeit suggerierender Reportagestil vor, der sein jeweiliges Thema so direkt wie möglich vermitteln will.

„Taste of Cement“ des syrischen ­Regisseurs Ziad Kalthoum ist anders, ein Film der ­Reflexion. Auch er hat ein Thema, man kann es im weitesten Sinn mit „Der Krieg in ­Syrien“ ­benennen. Doch die Bilder zeigen etwas ­anderes. Der heute in Berlin lebende Regisseur und sein Kameramann Talal Khoury haben sie auf einer Baustelle in Beirut im Libanon gedreht. Etage für Etage wächst das Gebäude in die Höhe, fängt die Kamera dabei die geometrischen Formen ein, welche die Stahlträger, Gerüste und Maschinen bilden.

Dass die Bilder noch eine andere ­Geschichte erzählen, wird erst viel später deutlich, als die Aufschrift eines Banners ins Bild rückt: Es sind syrische Bauarbeiter, die dieses Hochhaus bauen, während daheim ihre Häuser im Schutt versinken. Und nach 19 Uhr dürfen die Syrer die Baustelle bei Strafe nicht mehr verlassen, sie sind quasi gefangen. Kalthoum und Khoury rahmen ihre ­Gesichter immer wieder mit den im Stahlbetonbau verwendeten Metallgittern ein.

Der Ausblick auf einen blauen Himmel und die Weite des Meeres besitzen hier nichts Tröstliches, denn abends fahren die Arbeiter hinunter in das feuchte und zugige Fundament des Baus, wo sie auf Matratzen dürftig hausen. Und die Bildschirme ihrer Fernseher und Smartphones zeigen Bilder der Zerstörung aus dem Krieg in Syrien, entrinnen kann ihm hier niemand.

Dass der Film keine Interviews mit den Arbeitern zeigt, mag den Produktionsbedingungen geschuldet sein, doch es ist auch ein Glücksfall für den Film. Die Dreharbeiten dauerten ­lediglich eine Woche, und der Bauherr wollte nicht, dass der Regisseur mit den Arbeitern spricht. Sie selbst wollten es aus lauter Angst auch nicht. So ersann Kalthoum eine poetische Erzählerstimme, deren Erinnerungen aus einer (vermutlich fiktiven) Kindheit die Erlebnisse in der Gegenwart mit jenen der Generation der Väter verknüpft: Bereits nach dem libanesischen Bürgerkrieg der 1980er-Jahre zogen syrische Bauarbeiter zum Wiederaufbau ­Beiruts in das Nachbarland.

Der Zement ist dabei das im Wortsinne bindende Material zwischen den verschiedenen Ebenen: der Baustoff für das Hochhaus, das den Geruch des Vaters prägende Element in den Kindheitserinnerungen, und auch das, worunter man beim Einsturz der Häuser im Krieg lebendig begraben werden kann. Und dann ist er da: der Geschmack von Zement.

Als extrem ausgeklügelt erweist sich auch das Sounddesign des Films: Neben leisen Momenten steigern sich die Geräusche vom Hämmern und Bohrern sowie die Schüsse von Panzern langsam zu Passagen eines betäubenden Lärm-Crescendos. Unausweichlich laufen Ton und Bilder auf eine Parallelkonstruktion zu, in der immer frenetischer gebaut und – in Archivmaterial – immer heftiger zerstört wird. Es ist diese Unerbittlichkeit ebenso wie die souveräne Handhabung filmischer Formen, die „Taste of Cement“ so beeindruckend machen.

Taste of Cement D/RL 2017, 85 Min, R: Ziad Kalthoum, Start: 24.5.

Mehr über Cookies erfahren