Kino & Stream

„Taste The Waste“ im Kino

Taste The Waste

Die Mehrheit der Verbraucher versteht unter einem Lebensmittelskandal das außerplanmäßige Vorkommen gesundheitsschädigender Stoffe in der Nahrung. Mit einem weitaus größeren Skandal beschäftigt sich Valentin Thurn in seinem Dokumentarfilm „Taste the Waste“. EU-weit werden jährlich 90 Millionen Tonnen tadelloser Lebensmittel weggeworfen; das ist zwar nicht zu verantworten, ist aber zugleich Bedingung wie Folge einer Konsumideologie, die auf permanenter massenhafter Verfügbarkeit beruht. Hand in Hand greifen dabei Handels- und Agrarnormen, die beispielsweise dazu führen, dass manche Nahrungsmittel gleich auf dem Feld liegen bleiben oder später dann am Fließband der Verpackungsanlage aussortiert werden. Die dauernde Produktion von Gütern im Überfluss bedingt industrielle Fertigung und damit Kriterien, die weniger mit Qualität zu tun haben als mit leichter maschineller Handhabbarkeit. Zudem muss das Lebensmittel als Konsumgut einem ästhetischen Anspruch genügen, der vom Nährwert entkoppelt ist. Und schließlich greift das Gesetz des Marktes, demzufolge die Ware dorthin fließt, wo das Geld ist.
Den weitreichenden Verästelungen seines Themas folgt Thurn organisch; wie jemand, der einen Faden findet, daran zieht – und den Pullover auftrennt. So führt ihn das Gespräch mit einer aus Kamerun stammenden Mitarbeiterin der Pariser Tafel, die aus Abfällen aus Markthallen Genießbares sortiert, zu den Kleinbauern nach Afrika, die ihm von der Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz durch die Länderkäufe und Großplantagen der multinationalen Konzerne berichten. Im Anschluss erklärt ein Mitarbeiter des Zentrums für Entwicklungsforschung in Berlin den Zusammenhang zwischen der Lebensmittelvernichtung der Industrienationen und den Lebensmittelunruhen aufgrund steigender Preise in Afri­ka. Interviewpassagen wechseln mit Filmszenen, anstelle eines erklärenden Kommentars fassen Texttafeln die Zahlen zusammen, und mitunter ergänzt das durchaus zum Dramatischen tendierende Sounddesign einen traurigen Kommentar: wenn etwa zum rhythmisch montierten Wegwerfen nicht verkauften Fisches leise das Geräusch von Meeresbrandung zu hören ist.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Taste The Waste“ im Kino in Berlin

Taste The Waste, Deutschland 2011; Regie: Valentin Thurn; 91 Minuten; FSK 0

Kinostart: 8. September

Mehr über Cookies erfahren