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„Taxi Teheran“ im Kino

Taxi Teheran

Start an einer Straßenkreuzung, im Lärm von Teheran. Alltagskampf auf der Straße, Linksabbieger gegen Fußgänger. „Was ist das denn? Das Ding, das sie da angebracht haben?“, fragt der Mann, der gerade als Fahrgast ins Taxi eingestiegen ist. „Eine Diebstahlsicherung?“ Sein Blick geht zu uns, ins Objektiv der Kamera, die ihn und einstweilen erst den halben Innenraum des Autos überblickt. Dem Fahrer gefällt die Frage. Diebstahlsicherung? „Eine Art, vielleicht“, sagt er.
Das „Taxi Teheran“ lenkt Jafar Panahi, der preisgekrönte iranische Filmemacher, selbst durch die Straßen der iranischen Hauptstadt, buchstäblich. Der Regisseur ist der Fahrer, die Montage findet am Lenkrad statt, trotz des politischen Verdikts, das ihn zum Schweigen verurteilen soll. Im Dezember 2010 wurde Panahi von einem iranischen Gericht in einem inzwischen zweitinstanzlich bestätigten Urteil zu sechs Jahren Haft und zwanzigjährigem Berufsverbot als Regisseur und Autor verurteilt. Der Prozess war politisch motiviert, eine Strafe für einen provokanten Auftritt auf dem Filmfestival in Montreal und das offene Eintreten für die Reformbewegung, mit der er sich gemeinsam 2010 gegen die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad gestellt hatte.
Taxi TeheranDie iranischen Behörden reagierten scharf: Es folgte eine Massenfestnahme in Panahis Wohnung, Untersuchungshaft, Verhöre, auf die Panahi mit einem Hungerstreik antwortete. Er hatte nicht die Absicht einzulenken. Dabei ist es geblieben, auch nach Haftentlassung, Prozess und der Bestätigung des (nicht vollstreckten) Urteils.
Seine letzten beiden Filme, das feuerwerkende Doku-Homemovie „In film nist“ („Das ist kein Film“) und die Depressionsmetapher „Padrй“ hat der 55-jährige Panahi gemeinsam mit Koregisseuren (Mojtaba Mirtabmasb bzw. Kambuzia Partovi) gedreht, ohne offizielle Drehgenehmigung und ohne Aussicht, sie im Iran öffentlich aufführen zu können. Verbreitung finden die Werke dennoch – wie alle anderen digitalisierten Filme – über den heimlichen Parallelmarkt, der auch in „Taxi Teheran“ wieder sehr fröhlich zum Thema gemacht wird, denn einer der Fahrgäste ist eben ein fliegender Händler von DVDs.
Die Situation ist paradox: Auf der einen Seite steht der prominente Filmemacher, der sich den politischen Diktaten nicht beugen will und Filme macht, die es nicht geben soll. Auf der anderen Seite stehen die Träger der Macht, die mit dem nicht vollzogenen Gerichtsurteil und mit doppelten Botschaften den Raum offenhalten, in dem diese Arbeit stattfindet. Als „Taxi Teheran“ im Februar bei der Berlinale startete, richtete der Chef der Iran Cinema Organization Hojjatollah Ayyubi, der jene Dreh- und Aufführungserlaubnisse erteilt, die Panahi versagt werden, eine paradoxe Kritik ans Festival, in der ausgerechnet er eine Trennung von Politik und Kunst anmahnte.
Freundlicher – aber kaum weniger widersprüchlich – hatte Ali Reza Sheik Attar, der iranische Botschafter in Deutschland, Panahi 2012 als großen Künstler gelobt und ihm die massive Abschwächung des ersten Urteils in der Berufungsinstanz gewünscht – mit der doch nur halb scherzhaften Nebenbemerkung, dass Künstler ganz allgemein „hoffentlich keine Gesetze verletzen, ja nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit im Straßenverkehr begehen“.
„Taxi Teheran“ ist nun genau das wieder geworden: gröbste Ordnungswidrigkeit und politisches Verkehrsdelikt, ein Film über die intimen Folgen der politischen Willkür, die den Iran auch in der aktuellen politischen Entspannungsphase weiterhin bestimmt.
Taxi TeheranIn Panahis Taxi treffen die charismatische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh, die erst nach dem Amtsantritt des aktuellen iranischen Präsidenten Hassan Rohani begnadigt wurde, Befürworter der Todesstrafe und ihre Gegnerinnen, schreiende Verkehrsopfer und begeisterte DVD-Dealer aufeinander – und, nicht zu vergessen, Panahis kleine Nichte Hana (die in Berlin, ganz überwältigt, anstelle des Regisseurs auch den Goldenen Bären in Empfang nahm). Wer andere Filme Panahis kennt, wird auch Charaktere und Motive daraus entdecken, aber das ist nur noch ein Bonus mehr im reichen Arrangement.
Panahis Fahrgäste treten in ein abwechselnd tragikomisches und berührendes Gespräch ein, das immer wieder frei improvisiert wirkt, obwohl es die Themen aufnimmt, die den Regisseur bewegen: Wie kann man der politischen Gängelung entgehen? Was heißt Realismus? Wie viel Kraft zum Verzeihen braucht man? Und: Was kann ein Bild im Kino werden? Die Größe des Films liegt auch darin, wie raffiniert er die Aufnahmen der Auto-Kamera mit immer weiteren ergänzt, aus den Digicams und I-Phones seiner Passagiere, die selbst Regisseure ihrer kleinen Filme werden. Die vielstimmige Freiheit ist in Panahis Kino schon Wirklichkeit.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Weltkino Filmverleih

Orte und Zeiten: „Taxi Teheran“ im Kino in Berlin

Taxi Teheran (Taxi), Iran 2015; Regie: Jafar Panahi; Darsteller: Jafar Panahi (Jafar Panahi, Taxifahrer), Hana Saeidi (Jafar Panahis Nichte); 86 Minuten

Kinostart: Do, 23. Juli 2015

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