Kino & Stream

Teil 2: Berlins Programmkino-Landschaft im Wandel

Suzan_Beermann_c_David_von_BeckerDie Aufgabe
Genau hier beginnt die Herausforderung für die neuen Programmkinos. Wenn man im Büro von Neue Visionen steht, ahnt man, was alles dazugehört, eine möglichst unabhängige Verleihstruktur aufrecht zu halten. In der Hinterhausetage im Prenzlauer Berg ist jeder Winkel ausgenutzt. Überall Regale und Paletten, auf denen sich kniehoch Plakate und Werbematerial türmen. Es riecht wie in der Auslieferung einer Druckerei, während an Schreibtischgruppen Pressematerial entworfen, Kopien verwaltet, Verträge geschrieben werden und der einzige Drucker pausenlos vor sich hinlärmend Papierstöße ausspuckt. Alle Arbeitsbereiche des Verleihs arbeiten in diesem Raum, an dessen Rückwand neben Waschbecken und Kaffeemaschine sich Kunststoffboxen für DCPs stapeln. Das Geld ist knapp, und auf der Neue-Visionen-Website wird darauf hingewiesen, worum es geht: „Grundsätzlich ist unsere Arbeit bestimmt durch Prinzipien der Sparsamkeit. Fehlendes Budget, zum Beispiel für Zeitungsanzeigen, gleichen wir mit zusätzlicher Pressearbeit, Medien- und Werbepartnerschaften annähernd aus.“ Dafür sind die Filme viel besser begleitet als bei manchen anderen Verleihen. Selbst gut gemachtes Material für den Schulunterricht steht zur Verfügung. „Wir sehen diese umfangreiche Ausstattung nicht als Luxus, sondern als unbedingte Notwendigkeit, um die uns wichtigen Filme einem Publikum zugänglich zu machen und damit jedem Film eine Chance zu geben.“ Spröder und öder geht es kaum, doch wer die Filme sieht, um die es geht, und die schönen Plakate und sorgfältigen Flyertexte liest, verliert seinen Argwohn. Wie gut dieses Konzept aufgeht und wie wichtig Neue Visionen oder auch der Peripher Filmverlag des FSK-Kinos sind, zeigen Kinos wie die Tilsiter Lichtspiele oder die Bundesplatz Kinos.

Die neuen Programmkinos
Von ihren Zielgruppen her könnten diese Kinos nicht unterschiedlicher sein. Das Bundesplatz Kino spricht mit seinem Programm das bürgerliche Umfeld in Wilmersdorf an, Familien mit Kindern, eingesessene Westberliner, Bildungsbürger, ältere Menschen. Gezeigt wird zum Beispiel der Neue-Visionen-Film „Der deutsche Freund“, zu dem Regisseurin Jeanine Meerapfel ins Kino kommt, oder Arnon Goldfingers Dokumentarfilm „Die Wohnung“ (Edition Salzgeber). Daneben gibt es die Reihe „Deutsches Kino der 50er-Jahre“, das offenbar dem Publikumswunsch nachkommt, den Grusel des Opa-Kinos nachzuerleben. Auch beim Kinderprogramm fällt eine gewisse Vorliebe für die westdeutschen Klassiker des Genres auf. Komplementär dazu das Kinderprogramm der Tilsiter Lichtspiele, das gern auf klassische DEFA-Kinderfilme zurückgreift. Das Programm ist hier deutlich auf die Friedrichshainer Klientel zugeschnitten, so wie Su Beermanns Eiszeit-Kino mit dem Wrangelkiez verbunden ist und mit Sonderveranstaltungen, Lesungen oder Festivals wie der „Globale“ sein Publikum pflegt. Diese Kinos sind jeweils eng mit ihren Stadtteilen vernetzt und engagieren sich vom Stadtteilfest bis zur örtlichen Geschichtswerkstatt bei Nachbarschaftsinitiativen. Westdeutscher 50er-Jahre-Trash würde in Friedrichshain genauso wenig funktionieren wie der Techno-Film „Berlin Calling“ in Wilmersdorf.

Beide Kinoprogramme zeigen das Spektrum, das möglich ist, wenn Programm-Macher ihr Publikum kennen und auf diese Bedürfnisse Rücksicht nehmen. „Diese Spannweite ist natürlich eine Chance der Programmkinos“, meint Wulf Sörgel. „Warum gehe ich denn ins Kino? Ich will doch nicht bloß irgendeinen Film sehen, ich will ja was erleben, will Leute treffen, mich mit dem hübschen Mädchen an der Kasse unterhalten – ich will Interaktion. Und genau da liegt die Chance des Programmkinos.“ Das Programmkino im Stadtteil als Antwort auf die globalisierte Kultur – eine schöne Idee. Die Programmkinos sind noch immer die Guten.

Text: Nicolaus Schröder

Fotos: Oliver Wolff ( Sörgel, Groß), David von Becker ( Beermann)

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