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Teil 2: Festivaleindrücke aus Cannes

Kirsten-DunstZwei Festivaltage nachdem Terrence Malick mit „The Tree of Life“ das Anfang und Ende der Welt in spektakuläre Bilder gebannt hat, mit einem zweiten Film an den Start zu gehen, der seine Anfangsminuten der Apokalypse widmet, ist eine undankbare Sache. Man hätte unter anderen Umständen noch viel länger darüber gestaunt, wie dreist Lars von Trier das Ende von „Melancholia“ (Wettbewerb) gleich zu Filmbeginn verrät, wenn er uns alle (oder vielleicht nur sich selbst) in einigen wenigen Sekunden zermalmt. Melancholia hat sich eine Ewigkeit hinter der Sonne versteckt, bevor er mit 60.000 km/h auf direkten Kollisionskurs mit der Erde geraten ist. Kirsten Dunst und Charlotte Gainsbourg spielen die beiden Schwestern, die sich als depressive bzw. ängstlich überkontrollierende Charaktere, mit diesem globalen Schicksal auseinander setzen müssen, aber schon der Name des Unglücksplaneten macht natürlich klar, dass es hier einmal mehr nur um einen geht: Lars von Trier.

Mit „Melancholia“ führt der Däne, gerade realiter erlöst von seiner schweren Depression, wieder in seine Seelenwelt und man hat tatsächlich an der großen, sehr herrschaftlichen Hochzeitsfeier des ersten Teils mehr Vergnügen, wenn man alle Gäste und ihre Konflikte als Verlängerung der Psychodynamiken des Regisseurs liest. Wer das nicht möchte, sieht nur ein bedingt originelles Drama um eine junge Braut (Dunst), die am Hochzeitstag unter den Augen ihrer selbst halbwegs desolaten Familie zurück in die schwere Depression fällt, die sie gehofft hat, abschütteln zu können. Der rechte Witz will sich erst entfalten, als der neue Planet in der zweiten Filmhälfte ins Spiel kommt, und die wenigen verbliebenen Figuren auf diese Bedrohung antworten müssen. Dass die Rückkehr der Depression mit so viel Wucht erfolgt, dass buchstäblich ihre ganze Welt zerschmettert wird, ist ein allegorisches Verfahren, das „Melancholia“ trotz des großen Maßstabs wie eine Variation und Weiterführung des „Antichrist“-Dramas aussehen lässt, in dem von Trier zuletzt eine ähnliche Selbsterforschung unternommen hat.

arirangSelbst scheint ihm das nicht zu genügen. Vorab schon kommunizierte er seine Zweifel an der Qualität des neuen Films und lieferte dann routiniert und ungefragt bei der Pressekonferenz das Skandalmaterial nach, das „Melancholia“ nicht bereit stellen konnte: Seine idiotischen Bemerkungen zu Hitler („Ich verstehe ihn“) und Vorabskizzen zu einem phantasierten Pornofilmprojekt für Kirsten Dunst bräuchte man als Bausteine zu seiner Psychologie wirklich nicht zwingend. Auch anderswo ist der Grat zwischen der Weiterentwicklung eines unverwechselbaren Blicks auf die Welt (und das Kino) und dem Erstarren im Selbstplagiat recht schmal. Kim Ki-duk, der in seinen letzten Filmen klar den letzteren Weg beschritt, bevor er für ein paar Jahre verschwand, hat in seinem erratischen Essayfilm „Arirang“ (in Un Certain Regard) dieses besondere Drama mit reflektiert. Ein Director’s Block hat den koreanischen Regisseur in einem Haus, das halb Werk- und halb Wohnstatt ist, Zuflucht suchen lassen. Darin haust er nun im Zelt, ein eiserner Bollerofen wehrt notdürftig die winterliche Kälte ab, an der Zimmerwand stehen Werkbänke, deren Bedeutung man erst langsam erfasst. Monologe, in denen Kim Ki-duk seine persönliche und professionelle Krise mit enervierendem Narzissmus aufarbeitet, wechseln sich ab mit Szenen, die ihn bei der Arbeit an selbstgebauten Espressomaschinen zeigen – Apparate, die wie er selbst, unter heftigstem inneren Druck ein perfektes Produkt abwerfen sollen.

Es ist eine Selbstanalyse, die nicht wie von Trier mit den Metaphern der freudianischer Theorie arbeitet, sondern mit buddhistischen Elementen und einer selbstgebastelten Aggro-Philosophie, weinerlich, eitel und in gewisser Weise auch selbstblind, aber in dieser Kombination in seinem Fall offenbar auch beeindruckend effektiv. Später im Film wird Kim Ki-duk von den Espressomaschinen zur Revolver-Manufaktur übergehen, um, immer noch im Stil eines dokumentarischen Tagebuchfilms weitererzählend, nach seinen beiden gehassten  Ex-Firmenpartnern auch sich selbst zu erschießen. Wiedergeburt kann viele Gesichter haben.

Text: Robert Weixlbaumer

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