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Teil 2: „Cloud Atlas“ im Kino

CloudAtlasProductionGmbH_X-VerleihNovember, Berlin
Als Film bemüht sich „Cloud Atlas“, dem Zuschauer entgegenzukommen: Ab Start wechseln die Epochen von Szene zu Szene, die Kapitel sind in Sequenzen aufgeteilt. Die Ensemble-Lösung, die stets wiederkehrenden Darsteller geben den einzelnen, oft sprunghaft montierten Einzelszenen dieses erzählerischen Experiments ebenso dramaturgischen Zusammenhalt wie der durchgängige Klangteppich der von Tykwer mit Johnny Klimek und Reinhold Heil komponierten Musik. Im Detail der Geschichte(n) gab es Veränderungen, Frobisher bleibt im Film in England, Luisa Rey lebt und arbeitet 1973 in San Francisco und Sonmi-451 in „Neo-Seoul.“ Konzessionen wohl auch an ein internationales Publikum: Kein Filmemacher redet gerne über Geld, aber das spielte bei „Cloud Atlas“ leider keine unwichtige Rolle.

Oktober, Schöneberg
Zusammen mit dem langjährigen Wachowski-Partner Grant Hill hat Stefan Arndt von X-Filme „Cloud Atlas“ produziert. Man hätte den Film durchaus als „Angestellte“ eines US-Studios gemacht, meint Arndt. „Aber das Risiko war für die Studios zu hoch, um dafür 160 Millionen Dollar auszugeben – das war unsere ursprüngliche Schätzung, es hätten realistisch auch 200 Millionen werden können. Toll fanden das Projekt alle, aber niemand konnte oder wollte das finanzieren.“ Arndt sitzt in seinem Büro an der Kurfürstenstraße, auf dem Fensterbrett stehen Filmpreise, auf dem Schreibtisch herrscht kreatives Chaos, in einer Ecke ist ein riesiges, gemaltes Plakat von „Die tödliche Maria“. Arndt ist etwas angespannt, die letzten Wochen und Tage vor einer Premiere seien immer schwer, weil man da nichts mehr machen oder ändern kann. Um das Projekt, das am Ende 104 Millionen Dollar gekostet hat, überhaupt realisieren zu können, musste man kreativ werden: Der Film wurde parallel im Studio Babelsberg, auf Mallorca, in Schottland und Meißen mit zwei Hauptteams unter der Leitung Tykwers bzw. der Wachowskis gefilmt, aus 120 Drehtagen wurden so 60. Das bedeutete aber einen nicht unerheblichen Organisationsaufwand. „Wir haben irgendwann 40 Leute aus der ganzen Welt nach Berlin eingeladen und einen Monat lang diesen Film erfunden“, sagt Arndt und fügt an: „Es ist kein Wert, beim Filmemachen Überstunden zu machen.“ Mit dem Film ist Stefan Arndt sehr zufrieden, den drei Regisseuren sei es gelungen „aus der Überfülle des Materials im Roman wirklich eine Geschichte zu machen, die von Anfang bis Ende einen einzigen Bogen hat.“

November, Berlin
Tatsächlich gewinnt „Cloud Atlas“ bemerkenswerte erzählerische Eigendynamik, mit hohem technischen und handwerklichen Geschick gelingt Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski ein ambitioniertes, modernes Spektakel. Eines, das letztlich für jeden Zuschauer etwas bietet, ein Historiendrama, eine Liebesgeschichte, einen Krimi, eine Komödie, ein Sci-Fi-Abenteuer, eine Endzeit-Geschichte. Zur Achillesferse und zum echten Problem wird bei dem Film letztlich aber eine Schwäche der Vorlage: Schon in Mitchells Buch ist die Verkettung zwischen den einzelnen Epochen oft eher Spielerei und Behauptung, und auch im Kino muss man sich etwas mühen, die erklärte, etwas esoterische Verknüpfung zu erkennen. Vielleicht ist wirklich alles miteinander verbunden, doch einen greifbaren Beweis, eine wirklich schlüssige Erklärung bleibt „Cloud Atlas“ leider schuldig.

Text: Thomas Klein

Fotos: Cloud Atlas Production GmbH / WarnerBros. Entertainment Inc. / X-Verleih (Seite 1); Cloud Atlas Production GmbH X-Verleih

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Cloud Atlas“ im Kino in Berlin

Cloud Atlas USA/Deutschland 2012; Regie: Tom Tykwer, Lana & Andy Wachowski; Darsteller: Tom Hanks (Dr. Henry Goose/Hotel Manager/Isaac Sachs/Dermot Hoggins/Zachry), Halle Berry (Luisa Rey/Meronym/Jocasta Ayrs), Jim Broadbent (Vyvyan Ayrs/Timothy Cavendish); 172 Minuten; FSK 12; Kinostart: 15. November

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