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Filmkritik

„Tenet“ von Christopher Nolan: Eine Zeitreise von morgen

Actionfilm In „Tenet“ von Christopher Nolan hat der Held keinen Namen. Er wird im Anspann nur „der Protagonist“ genannt, also wörtlich „der erste Handelnde“. Da könnte man gleich darüber streiten, ob das eine passende Bezeichnung ist, denn wer was zuerst macht, ist in „Tenet“ durchaus unklar.

Immerhin lässt sich von der Handlung so viel erzählen: Der Protagonist kommt bei einem Einsatz in Osteuropa zu Tode, stirbt aber doch nicht, sondern erfährt, dass es sich nur um eine Prüfung gehandelt hat. Er ist nun bereit für einen Einsatz, bei dem es um alles geht. Stationen in London und Mumbai führen ihn zu einem Oligarchen namens Sator, der sich bevorzugt auf einer Jacht vor der Amalfiküste aufhält.

Tenet von Christopher Nolan
„Tenet“ von Christopher Nolan. Foto: Warner Bros.

Sator hat eine Frau, mit der ihn ein Kunstwerk verbindet: Sie hat es ihm geschenkt, er weiß, dass es gefälscht ist. Die Zeichnung steht für eine besonders raffinierte Form der wechselseitigen Erpressung. Sie führt den Protagonisten nach Oslo, wo echte Kunst in einem sogenannten Freeport gelagert und verschoben wird ­ – ein Zollfreihafen für alles, wovon die Behörden lieber nichts wissen wollen. Hier inszeniert Nolan eine große Actionsequenz mit einem Frachtjumbojet.

In „Tenet“ von Christopher Nolan lässt sich die Zeit umstülpen

Und dann wird es kompliziert. Denn wie schon in seinen früheren Filmen, von allen „Inception“, zeigt sich Christopher Nolan einmal mehr fasziniert von den Paradoxien des Zeitlichen. Zum Beispiel das Großvater-Paradox: Wenn jemand in die Vergangenheit reist, um seinen Großvater zu töten, würde dieser Jemand niemals geboren werden. Er lebt doch aber schon. In „Tenet“ treibt Nolan diese Spitzfindigkeiten auf die Spitze. Er durchsetzt sein erzählerisches Universum mit einem Phänomen, das er Inversion nennt: Dinge können die Richtung wechseln. Eine Kugel kann wieder in die Waffe zurückfliegen, Explosionen implodieren retour, und man kann auch ganze Szenen noch einmal aufsuchen.

So entfaltet sich allmählich eine große Agentenhandlung, in der es einmal mehr darum geht, die Welt als Ganzes zu retten. Denn der Schurke Sator hat auf eine besonders perfide Weise sein eigenes Schicksal mit dem des Planeten verknüpft.

Christopher Nolan huldigt in „Tenet“ seinem Kinotraditionalismus. Alles ist nach besten Möglichkeiten analog, mit IMAX-Kameras, die eigentlich eher für ruhiges Arbeiten geeignet sind, die er hier aber mitten hinein in die Action gehen. John David Washington ist ein exzellenter Held, Robert Pattinson steht ihm zur Seite, Elizabeth Debicki ist für die weibliche Hauptrolle eine sehr gute Wahl, und Kenneth Branagh tut in der Schurkenrolle des Andrei Sator nur das Nötigste.

Man muss das ganze Geschwurbel mit den Zeitebenen wohl nicht allzu ernst nehmen. „Tenet“ ist ein attraktiver, in manchen Momenten auch wirklich kluger Actionfilm. Manche haben vielleicht erwartet, dass Christopher Nolan das Genre neu erfinden würde. Das ist aber gar nicht notwendig. Er hat ihm nur einen cleveren Drall gegeben.

USA 2020; 150 Min.; R: Christopher Nolan; D: John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, Kenneth Branagh; Kinostart: 27. 8. 2020

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