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Terry Gilliam im Gespräch

Terry Gilliamtip Mr. Gilliam, es sieht ganz so aus, als wären Sie in der Vergangenheit verflucht worden.
Terry Gilliam (lacht) Ich wette sogar darauf! Wenn ich bedenke, mit wem ich allein in Hollywood schon Streit hatte und wie oft mir gesagt wurde, dass ich nie wieder einen großen Film drehen werde. Trotzdem sitze ich hier. Offenbar ist es unmöglich, alle Brücken zu verbrennen. Aber warum fragen Sie?

tip Kaum ein Regisseur scheint mehr Pech zu haben als Sie. Immer wieder haben Sie fürchterliche Dreharbeiten erlebt, muss­ten Produktionen vollends abbrechen oder um die Schnittfassungen Ihrer Filme kämpfen. Nun ist inmitten der Arbeit an „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ Ihr Star Heath Ledger gestorben. Wären Sie überhaupt noch in der Lage, ohne derartige Kata­strophen zu arbeiten?
Gilliam Als ich zuvor in Kanada „Tideland“ drehte, lief alles wunderbar glatt. Das hätte mir zu denken geben müssen, denn der Film wurde mit Abstand zum größten Flop meiner Karriere. Ansonsten aber haben Sie recht, ich scheine ein sicheres Händchen für Finanziers zu haben, die bankrottgehen. Doch wann immer der Frust und Ärger erst mal verraucht sind, wie etwa nach der Einstellung meines „Don Quixote“-Projektes aufgrund der Erkrankung des Hauptdarstellers, blicke ich immer auf die verbleibenden positiven Aspekte. Wie bei einem schönen Traum, aus dem man viel zu jäh gerissen wird. Und ist nicht Filmemachen im besten Fall wie Träumen mit offenen Augen? Außerdem: Das „Don Quixote“-Drehbuch ist über die Jahre noch viel besser geworden (lacht)!

Terry Gilliamtip Drohte nach Ledgers Tod auch Ihrem „Kabinett“ der Abbruch?
Gilliam Sicher, anfangs hatte ich keinen Zweifel, dass mit Heath auch der Film gestorben war. Der Schock saß zu tief. Wir kannten uns lange, und es ist kein Branchen-Bullshit, wenn ich sage, dass er für mich wie ein Familienmitglied war. Sein Potenzial als Schauspieler war grenzenlos, und es hätte keinen feineren Menschen treffen können. Es war ekelhaft mitanzusehen, wie ihn die Presse dann zu einem gefallenen Engel oder Ex-Junkie stili­sieren wollte. So ein Schwachsinn! Heath hatte bei „The Dark Knight“ und bei mir am Set die Zeit seines Lebens. Als Künstler blühte er noch deutlich mehr auf als nur wenige Jahre zuvor bei „The Brothers Grimm“, obwohl er da schon großartig war.

tip Wer kam auf die Idee, Ledger in den verbliebenen Szenen durch andere Schauspieler zu ersetzen?
Gilliam Das kam ins Gespräch, als irgendjemand fragte, wen ich außer Heath noch gern in der Rolle gesehen hätte. Da fielen mir gemeinsame Freunde wie Johnny Depp ein. Erstaunlicherweise mussten wir nur wenige Szenen umschreiben, weil Heaths Figur im Film in eine Parallelwelt tritt und es völlig organisch wirkt, wenn er auf der anderen Seite auch seine äußere Hülle wechselt. Das Ganze entwickelte dann eine geradezu magische Qualität, und wenn ich eines weiß, dann dieses: Wir haben in Heaths Interesse gehandelt. Das war das Wichtigste.

tip Ein Magier ist auch der Dr. Parnassus Ihres Filmes, der Zuschauern Attraktionen in seinem reisenden Theater anbietet. Besitzt diese Figur leicht autobiografische Züge?
Gilliam Ja, da steckt schon ein wenig von mir drin. Ich schrieb das Script, nachdem „The Brothers Grimm“ nicht gut genug und „Tideland“ überhaupt nicht ankam. Angesichts meines Gefühls, dass es mit meiner Karriere vielleicht allmählich vorbei sein könnte, begann die Figur eines Mannes Gestalt anzunehmen, der durchs Land zieht, und für dessen Kunst sich die Leute nicht mehr interessieren.

Interview: Roland Huschke

Fotos: Harry Schnitger/tip

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