Sklavendrama

„The Birth of a Nation“ im Kino

Die gleichen Waffen: Mit Verspätung kommt nun doch noch der heftig diskutierte „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit“ von und mit Nate Parker zu uns ins Kino

Foto: 2016 Twentieth Century Fox

Der Sklave Nat Turner verfügt über ein Wissen, das ihn gefährlich macht: Er kann lesen. Damit unterscheidet er sich von seinen Leidensgenossen im Virginia des ­Jahres 1831. Als seine Besitzer darauf aufmerksam werden, dass Nat die Bibel liest, verschaffen sie ihm eine neue Arbeit: Er ist von nun an Prediger. Seine Deutung der ­heiligen Texte ist anfangs noch ganz im Sinne der weißen Herren, irgendwann aber kriegt er nicht mehr zusammen, was er sieht und was er liest. Was er sieht, das ist das ­Leiden der afroamerikanischen Sklaven, die in diesen Jahren vor dem Bürgerkrieg brutal ausgebeutet und geknechtet werden. Was er liest, sind Geschichten von der ­Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten, von ­einem Exodus in ein Gelobtes Land, und von den Plagen, die den mächtigen Pharao heim­suchen.

Nat wandelt sich, er wird von einem, der die herrschenden Verhältnisse rechtfertigt, zu einem Revolutionär. Mit einer Gruppe von Verschwörern wagt er einen Sklavenaufstand, der zwar scheitert, aber das System der Sklaverei dennoch in den Grundfesten erschüttert.

Der Film „The Birth of a Nation“ von Nate Parker, in dem diese Geschichte erzählt wird, hatte im Februar 2016 beim Sundance Festival Premiere und wurde als Sensation empfunden. Vergleiche mit „Schindlers Liste“ machten die Runde, und vor allem fanden viele das Selbstbewusstsein imponierend, mit dem es hier ein afroamerikanischer Regisseur mit einem der bekanntesten Filme überhaupt aufnahm: „The Birth of a Nation“ von D.W. Griffith aus dem Jahr 1915, ein Epos über die Zeit des Bürgerkriegs, das unverhohlen den Standpunkt der Rassisten und des Ku-Klux-Klan vertritt. Diesen skandalösen Klassiker hatte Parker mit seiner „Geburt einer ­Nation“ überschrieben und in die Schranken gewiesen. Nach „12 Years a Slave“ kam hier neuerlich ein Film, der auf eine neue Ära des afroamerikanischen Kinos hindeutete. Bis zu den Oscars war es Anfang 2016 noch lange hin, doch alles deutete darauf hin, dass „The Birth of a Nation“ zu den Favoriten gehören würde.

Als die Filmpreise der American Academy nun vor einigen Wochen vergeben wurden, war von Nate Parkers Film kaum mehr die Rede. Der Hype war im Sommer 2016 dramatisch implodiert, als bekannt wurde, dass Parker und sein Kollege, der Drehbuchautor Jean McGianni Celestin, 1999 wegen Vergewaltigung einer Studienkollegin an der Pennsylvania State University angeklagt worden waren. Parker wurde 2001 freigesprochen, aber die Frau, die damals die Anklage erhoben hatte, nahm sich 2012 das Leben. Die Verleihfirma versuchte, die Angelegenheit so gut wie möglich wieder unter Kontrolle zu bringen, während Nate Parker bei der Schadensbegrenzung nicht ­immer nach Drehbuch mitspielte. Er ließ es, nach Meinung vieler, mindestens an Mitgefühl für die Frau mangeln, deren Verwandte den Streitfall von 1999 als Grund für ihre psychischen Probleme geltend machten.

Der Filmstart von „The Birth of Nation“ in den USA fiel in diese Zeit, das ­Einspielergebnis blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Und wenn der Film nun in Deutschland ins Kino kommt, ist es schon nahezu unmöglich, ihn unbefangen zu bewerten, zumal Nate ­Parker inzwischen auch vorgeworfen wird, dass er die Geschichte von Nat Turner mit einer erfundenen Vergewaltigungsszene ­zusätzlich dramatisiert hat. Das passt aber gut zu der allgemeinen Tendenz des Films, der stilistisch eigentlich nicht anderes macht, als in klassischer Hollywoodmanier einen überlebensgroßen Helden zu zeichnen, den Nate Parker noch dazu selbst spielt. Nat ­Turner wird nämlich schon als Kind für seine große Mission vorherbestimmt, er wird in einem geheimen afrikanischen Ritual zum künftigen Erlöser stilisiert. Die besten Szenen des Films sind die, in denen Turner als Prediger in einer zwiespältigen Beziehung zu seinem ­Besitzer Samuel Turner (Armie Hammer) steht. Zusätzliche Komplikationen entstehen, weil Nats Frau Cherry ebenfalls das Interesse von Samuel erweckt.

Ein Meisterwerk oder einen großen ­amerikanischen Film kann man „The Birth of a Nation“ allenfalls nennen, wenn man die politische Botschaft für bedeutender als die Wahl der filmischen Mittel hält. Nate Parker erzählt kaum anders, als in einem kontro­versen Film wie Richard Fleischers ­„Mandingo“ (1975) von der Sklaverei erzählt wurde. Er macht aufwühlendes Identifikationskino, ordnet aber diesem Zweck alles unter: Das Publikum soll gleichsam selbst auf die blutige Nacht eingestimmt werden, in der Nat Turner zur Symbolfigur einer bis heute nicht vollständig vollzogenen Emanzipation wurde.
Nate Parker wollte einen positiven Mythos schaffen, der Film wirkt aber an manchen Stellen, als wollte er uns seine Geschichte mit aller Gewalt einbläuen. Die Repräsentationsschlacht um das richtige ­Geschichtsbild wird von Nate Parker im Grunde mit den gleichen „Waffen“ geschlagen, die schon D.W. Griffith benutzte.

The Birth of a Nation USA 2016, 120 Min., R: Nate Parker, D: Nate Parker, Armie Hammer, Mark Boone Junior, Start: 13.4.

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