Drama

„The Book of Henry“ im Kino

Hirntumor, Selbstjustiz und das Vermächtnis eines Elfjährigen: „The Book of Henry“ überrascht mit einem ständigen Wechsel von Stilen und Genres

Foto: UPI

Henry ist elf Jahre alt und ein mathematisches Genie. Für seine alleinerziehende Mutter Susan, die ihre beiden Söhne, Henry und den jüngeren Peter, als Kellnerin ernährt, macht er die Haushaltsführung und investiert nebenbei noch am Aktienmarkt. Eine leicht dysfunktionale Familie mit einem ungewöhnlichen Kind im Mittelpunkt – Stoff für eine Komödie.

Zugleich glaubt Henry zu wissen, was hinter der ­Traurigkeit der Nachbarstochter Christina steckt: dass sie von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Doch der ist der Polizeichef des Ortes, entsprechend wird solchen Verdachtsmomenten nicht mit der notwendigen Entschiedenheit nachgegangen – Stoff für ein Drama. Zum Heulen: Henrys Kopfschmerzen stellen sich eines Tages als (weit fortgeschrittener) Tumor heraus – Stoff für ein Melodram.

Doch Henry hinterlässt ein Vermächtnis in Gestalt seines roten Notizbuches. Darin hat er einen ausgetüftelten Plan entworfen, den Nachbarn zur Rechenschaft zu ziehen, was für Henrys Mutter zugleich den Trauerprozess zu einem positiven Abschluss bringen soll. Selbstjustiz heißt die Vorgehensweise – Stoff für ein Drama, das gleichermaßen zu einer Frage der Moral wird, dessen Ausführung aber auch einen Wettlauf gegen die Zeit bedeutet.
Dass der Film dabei wiederholt Stil und Stimmung wechselt, setzt den Zuschauer einem Wechselbad der Gefühle aus: Natürlich wollen wir nicht, dass Henry stirbt. Wollen wir aber, dass seine Mutter den Mordplan wirklich ausführt? Würde es ihr (und uns) dann besser gehen? Dass der Film genau diese Fragen beim Zuschauer aufwirft, ist Teil seiner Qualität. Gerade den letzten Teil des Films sieht man am besten mit Peters Auftritt als Zauberer im Hinterkopf: Was er verspricht, geht zwar ganz anders, aber trotzdem zur Zufriedenheit des Publikums in Erfüllung.

Gerade bei der Darstellerführung beweist Regisseur Colin Trevorrow, dass er sich nicht nur auf Blockbuster wie „Jurassic World“ versteht. Das gilt nicht nur für die Kinderdarsteller Jaeden Lieberher („Midnight Special“, nächste Woche auch in „It“), Jacob Tremblay („Raum“) und Maddie Ziegler, sondern auch für Naomi Watts als Mutter und Sarah Silverman als ihre Freundin und Kollegin. Auch deshalb wäre es schade, wenn „The Book of Henry“ nur in Erinnerung bleibt als jenes Werk, dessen Misserfolg an den US-Kinokassen vermutlich dazu beitrug, dass sein Regisseur den Regie-Job bei „Star Wars: Episode IX“ verlor.

The Book of Henry USA 2017, 105 Min., R: Colin Trevorrow, D: Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay, Maddie Ziegler, Sarah Silverman, Start: 21.9.

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