Politsatire

„The Death of Stalin“ im Kino

­Opportunisten in schlecht ­sitzenden ­Anzügen: Mit „The Death of Stalin“ gelingt Regisseur Armando Iannucci das Kunststück, aus einer historischen Extremsituation eine der besten Komödien des noch jungen Kinojahres zu zaubern

Concorde

Josef Stalin war wahrscheinlich einer der mächtigsten Männer der Welt, als er am 1. März 1953 einen Schlaganfall erlitt. Einen ganzen Tag lang lag der Diktator der Sowjetunion auf dem Boden, bevor sich jemand in seine Privatgemächer traute, um nach ihm zu sehen. Man fand ihn in einem Zustand zwischen Leben und Tod. Auch in so einer Situation gibt es noch Details, die für die Historiker vielleicht zu heikel sind, die man sich aber gern ausmalen darf, um diesen weltgeschichtlichen Tod in ein Verhältnis zum Alltag der Menschen zu setzen, über die Stalin herrschte. In Armando Iannuccis Film „Der Tod von Stalin“ sind das zum Beispiel zwei Soldaten, die vor der Tür Wache stehen. Sie ­sollten eigentlich längst abgelöst ­werden, nun aber müssen sie bleiben und dürfen ihre Miene nicht ver­ziehen, während die höchsten Funktionäre der Kommunistischen ­Partei sich um ärztliche Hilfe für Stalin ­bemühten.

Die Ironien in dieser Situation sind zahlreich, und der Slapstick mit dem besudelten Patienten ist beträchtlich. Stalin hatte in den Monaten vor seinem Tod vor allem Ärzte mit Terror verfolgt, nun suchen Beria, Chruschtschow, ­Molotow und der Rest der verbliebenen Elite nach qualifiziertem Personal, das aber eines gerade nicht soll: Stalin noch einmal auf die Füße bringen. Davon kann aber ohnehin keine Rede sein. Die Zeit des Schreckensherrschers im Kreml ist abgelaufen. Nun geht es um seine Nachfolge.

„Der Tod von Stalin“ beruht auf einem französischen Comic (siehe nebenstehender Text), in dem Armando ­Iannucci, bekannt vor allem durch die Sitcom „Veep“, einen Filmstoff erkannte. Seine Intuition hat ihn nicht getrogen, denn gegen viele Wahrscheinlichkeiten ist es ihm gelungen, aus einem zuerst nicht sonderlich attraktiv wirkenden historischen Stoff eine der besten Komödien des Jahres zu machen. Der historische Stoff ließe sich in etwa so zusammenfassen: Eine Gruppe rivalisierender, älterer Opportunisten in überwiegend sehr schlecht sitzenden Anzügen versucht, die Macht in einem immer noch vom Großen Krieg gezeichneten, herun­tergewirtschafteten Land unter sich auszumachen.

Zwei Figuren ragen aus dieser Gruppe heraus: der Geheimdienstchef Beria, ein Schurke gigantischen Ausmaßes, den der britische Schauspieler Simon Russell Beale aber abgründig sympathisch wirken lässt, und Nikita „Nikki“ Chruschtschow, den Steve Buscemi zu Beginn noch als lächerliche Figur zeigt, der aber dann seine Chance erkennt.

Zu diesem Duell im Innersten der Macht kommen eine ganze Reihe von Nebenfiguren, aus denen die jeweiligen Darsteller ein Fest machen: Jeffrey Tambor (bekannt aus der Serie „TransParent“) spielt den lächerlichen Malenkov, und Jason Isaacs („Harry Potter“) übertreibt es als Marschall Schukow so mit dem militärischen Schneid, dass man mit ihm eigentlich besser keinen Staatsstreich planen sollte. Aber die personellen Alternativen sind in dieser Phase des Sowjetkommunismus nicht so üppig. Dass Michael Palin in einer weiteren tragenden Nebenrolle auftaucht, ist ein wichtiges Signal: Ohne den Geist von Monty Python wäre „Der Tod von ­Stalin“ wohl nicht denkbar gewesen.

Zu einer großen Komödie gehören aber nicht nur peinliche Situationen und haarsträubende Fehlleistungen. Wichtig ist vor allem, ob es auch um etwas geht, ob auf dem Grund des Gelächters ein ernsthaftes Anliegen zu erkennen ist. Und gerade auf dieser Ebene zeigt sich die Klugheit, um nicht zu sagen: die Weisheit dieser Geschichte. Immerhin markierte der Tod von Stalin einen entscheidenden Wendepunkt in der schrecklichen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Von diesem finsteren Hintergrund ist bei Armando Iannucci alles imprägniert. Das beginnt schon mit der zentralen Ironie des Films, die zugleich die wichtigste Erfindung ist: Stalin stirbt hier nicht einfach an seiner schlechten Gesundheit, sondern aufgrund einer geheimen Botschaft, die ihn aus dem Volk erreicht. Eine Botschaft, die eine Anklage ist.

Und bei aller Groteske ist das auch die Essenz von „Der Tod von Stalin“, aus dem man nicht zuletzt eine Menge über die Funktionsweisen von Despotien lernen kann.

The Death of Stalin F/GB/B 2017, 106 Min., R: Armando Iannucci, D: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Paddy Considine, Rupert Friend, Start: 29.3.

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