Drama

„The Party“ im Kino

Die vermeintlich heile Welt: In „The Party“ seziert die britische Regisseurin Sally Potter ihre intellektuellen Landsleute – und nicht nur die

Foto: Adventure Pictures Ltd/ Nicola Dove

Irgendetwas stimmt nicht. Daraus macht die britische Regisseurin und Autorin Sally Potter in ihrer satirischen Farce „The Party“ von Anfang an keinen Hehl. Gleich in der ersten Einstellung öffnet eine recht ­derangiert aussehende Frau mittleren Alters die Haustür, und wer auch immer da gerade die Klingel gedrückt hat, blickt jetzt direkt in die Mündung einer Pistole. Und der Zuschauer auch. Wie es dazu kommen konnte, erzählt der in kontrastreichem Schwarzweiß gedrehte Film in einer Rückblende, die in ihrem Aufbau einer kammerspielartigen Salonkomödie entspricht: mit wenigen Schauplätzen in und rund um das Haus sowie einer ebenso überschaubaren Anzahl an Figuren.

Die Frau mit der Feuerwaffe ist ­Janet (Kristin Scott Thomas), die soeben zur ­Gesundheits­- ministerin im Schatten­kabinett der Oppositionspartei ernannt worden ist. Jahre harter Arbeit scheinen sich nun endlich bezahlt zu machen, bald kann sie wirklich etwas bewegen. Das muss natürlich gefeiert werden! Also gibt sie eine Party im Kreise ­einiger Freunde, die nach und nach eintrudeln: die sarkastische ­April (Patricia ­Clarkson) mit ­ihrem esoterisch angehauchten deutschen Mann Gottfried (Bruno Ganz) sowie Martha (Cherry Jones), eine lesbische Professorin für Gender­studien, mit ihrer ­Partnerin Jinny ­(Emily Mortimer), einer Spitzenköchin, die nach einer Hormonbehandlung demnächst Drillinge ­erwartet. Auch Investmentbanker Tom (Cillian ­Murphy) trifft ein, der Gatte von Janets engster Mitarbeiterin Marianne, die noch zu einem späteren Zeitpunkt vorbeischauen will.

Gar nicht in Feierlaune ist offenbar Janets schweigsamer Ehemann Bill (Timothy Spall), der deprimiert und schon einigermaßen ­betrunken vom guten Rotwein scheint. Er legt erst einmal eine programmatische Blues­platte auf. „I’m a man“, tönt es da aus den Lautsprechern, und es liegt nahe, dass dies in seinem Leben bislang vielleicht nicht so richtig ­gewürdigt wurde. Auch nicht besonders gut gelaunt kommt der hektische Tom daher, den eine Handkamera alsbald ins Bad begleitet, wo er sich schnell noch eine Linie Koks durch die Nase zieht und mit eben jener Pistole ­herumfuhrwerkt, die später in Janets Hände geraten wird.

Als Bill der versammelten Truppe schließlich eröffnet, dass er erstens aufgrund ­einer tödlichen Krankheit nur noch kurze Zeit zu leben habe, und zweitens gedenke, die ­ver­bleibenden Tage mit Marianne, der Gattin von Tom, zu verbringen, stürzt das Kartenhaus dieser sich auf ihre Fortschrittlichkeit etwas einbildenden intellektuellen Elite im Handumdrehen zusammen. In ­jeder ­neuen Gesprächssituation, die sich nun in Flur, Badezimmer oder Garten ­ergibt, ­zerlegen die erstklassigen Schauspieler und Schauspielerinnen mit Tempo und bissigem Witz eine vermeintlich heile Welt, in der die verschiedenen Beziehungen längst an ­Gedankenlosigkeiten, Ängsten und ­einer ganz selbstverständlichen Doppelmoral ­gescheitert sind.

Nach eigenen Angaben hatte Sally Potter im Vorfeld britischer Parlamentswahlen und der Brexit-Abstimmung mit „The Party“ eine Art Bestandsaufnahme im Sinn. Nicht so sehr in politischer Hinsicht als vielmehr im Hinblick auf die vermutete Unehrlichkeit einer ­Gesellschaft, die sich in einer Scheinwelt ­eingerichtet hat. Dass der Mann einer mög­lichen Gesundheitsministerin sich natürlich nicht auf die staatliche Krankenvorsorge ­verlässt, ist da nur der Anfang. Demokratieverständnis, die Rolle der Banken und der Stand feministischer Theorie – das alles kommt am Rande der Beziehungskrisen gleich mit zur Sprache.

Auf den ersten Blick wirken Potters Filme stets sehr unterschiedlich: „Orlando“ (1992) war die Verfilmung eines als unverfilmbar ­geglaubten Romans von Virginia Woolf um die Probleme eines Mannes, der sich über Nacht in eine Frau verwandelt,  während „The Tango Lesson“ (1997) als autobiografisch geprägter Tangofilm daherkam, in dem die als Tänzerin und ­Choreografin ausgebildete Regisseurin selbst die weibliche Hauptrolle übernommen hatte. Potters vorletzter Film „Ginger und Rosa“ (2012) verband hingegen das Coming-of-Age-Drama eines Teenagers mit dem Blick auf eine freizügige künstlerische Bohème im England der frühen 1960er-Jahre.
Gemein ist diesen Filmen Potters Leidenschaft und Humor, der subtile Einsatz von Musik sowie die konstante Infragestellung von ­Rollenklischees. Geschlechterrollen in privaten Beziehungen, die Erforschung ­spezifischer künstlerischer und intellek­tueller Milieus und deren Bedeutung für gesamtgesellschaftliche Fragestellungen sind Themen, welche die ­heute 67-jährige ­Regisseurin im Lauf ihrer lediglich acht abend­füllenden Spielfilme ­umfassenden  Filmkarriere immer wieder interessiert haben. Insofern passt dann auch „The Party“ vorzüglich in dieses Bild: ein überaus böser, ­intelligenter und ziemlich witziger Blick auf Figuren, die uns allen einen – nicht immer sehr angenehm ­wirkenden – Spiegel vor­halten.

The Party GB 2017, 71 Min., R: Sally Potter, D: Kristin Scott Thomas, Patricia Clarkson, Timothy Spall, Bruno Ganz, Cillian Murphy,
Start: 27.7.

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