Filmporträt

„The Poetess“ im Kino

Deutsche Lyriker würden wohl jubilieren, gäbe es hierzulande eine Fernsehshow wie „Million’s Poet“ vor einem Millionenpublikum, in der trotz Glamour mit Würde der dichterische Nachwuchs in einen Wettstreit um das beste Gedicht gegeneinander antritt

Brockhaus Wolff

„Million’s Poet“, produziert in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ist ein bemerkenswertes Phänomen, unterstreicht es zum einen die kulturelle Bedeutung der Poesie für die arabische Kultur, zeugt es aber auch von einem sehr respektvollen Umgang zwischen Jury, Künstlern und Publikum bei der Gesamtinszenierung dieser Show.

Dieser gegenseitige Respekt ermöglicht es, was nicht selbstverständlich ist in der arabischen Öffentlichkeit: dass Frauen an diesem Wettbewerb teilnehmen dürfen. 2010 sorgte die saudische Dichterin Hissa Hilal für eine Sensation, indem sie es als erste Frau mit ihren Gedichten bis in die Finalrunde von „Million’s Poet“ schaffte.

In ihrem Dokumentarfilm „The Poetess“ lassen Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff noch einmal den Weg Hilals ins Finale Revue passieren, unterfüttert mit einem längeren Interview, das sie danach mit ihr geführt haben. Hilal redet darin ausführlich über die Brisanz ihrer Gedichte, die sie in der Show vortrug. Gedichte, die trotz poetischer Bildsprache unverhohlen Kritik übten am Diktat der Männerherrschaft und am religiösen Extremismus in der saudischen Gesellschaft. Dieses Interview, das Hilal in einen Niqab gekleidet, den sie auch bei ihrem Showauftritt trug, gibt und der nur ihre Augenpartie erkennen lässt, beeindruckt – und wirkt nach, weil trotz der Verhüllung gerade die Klarheit ihrer Worte ihre selbstbewusste Haltung noch einmal bekräftig. „The Poetess“ ist ein wichtiger Film, der dem Zuschauer nicht mit einem vorgefertigten Weltbild über die arabische Gesellschaft das eigene Denken abnimmt.

The Poetess D/SAA 2017, 89 Min., R: Stefanie Brockhaus, Andreas Wolff, Start: 31.5.

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