Satirisches Drama

„The Square“ im Kino

Der Verhaltensforscher des Kinos: Der Schwede Ruben Östlund liefert mit dem Cannes-Gewinner „The Square“ eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse ab

Foto: Alamode Film

Ein Film über eine Kurator für moderne Kunst? Das klingt zuerst einmal arg spröde, auch wenn manche dieser Vermittlerfiguren gerne flamboyant auftreten oder zumindest sehr aktiv auf Instagram sind. Der Schwede Ruben Östlund hat mit „The Square“ einen Film über eine Kunstkurator gemacht, der schon nach wenigen ­Minuten erkennen lässt, dass das eine ideale Plattform ist, um von der heutigen Welt zu erzählen.

Die Geschichte beginnt ganz einfach auf dem Weg zur Arbeit. Eine Szene auf der Straße, ein kleiner Tumult, Christian ­(Claes Bang) greift ein, er versteht erst später, dass er auf eine Inszenierung hineingefallen ist – sie hat ihn sein Handy gekostet. Der Arbeitstag geht weiter, er muss Sitzungen leiten, mit einer US-Journalistin umgehen ­(später wird er mit ihr ins Bett gehen), er muss eine ­Eröffnungsrede halten und sonst noch ­allerlei. Ein vielfach beanspruchter Mann, der nun aber auch noch ein Ziel hat: Er will sein ­Telefon wieder haben, und er will den Täter bloßstellen. Denn das Handy lässt sich orten, er weiß also, in welcher Gegend es zu finden sein muss.

„The Square“ wurde im Mai in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Seither reist Regisseur Ruben Östlund um die Welt, um seinen Film zu erklären. Denn es gibt auch viele Möglichkeiten, ihn misszuverstehen. Zum Beispiel als eine Satire über moderne Kunst. Das ist zwar eine Facette des Films, wäre aber doch insgesamt zu einfach, sagt Östlund, der in einem Hotel im Berliner Westen an einem sehr verregneten Tag für Interviews zur Verfügung steht: „Mit der Kunst ist etwas passiert, seit Duchamp mit seinem Pissoir in einem Ausstellungsraum alles verändert hat. Heute erscheint sie mir manchmal wie ein Briefmarkensammlerverein. Alle, die dabei sind, kennen die Werte, aber von außen sieht alles ein bisschen ­lächerlich aus.“

Der Kurator ist deswegen eine gute Figur für das, was Östlund seit seinem frühen Film „Play“ interessiert. „Er ist ein Mann, er ist ein Humanist, er hat Macht. Das geht alles ineinander über, und meine Geschichte gibt mir Gelegenheit, ihn dabei zu beobachten, wie er seine Werte aufrechtzuerhalten versucht, während sich andere Dinge in sein Leben drängen. Und seine Wünsche und ­Begierden.“
Mit seinem Film „Höhere ­Gewalt“, in dem ein Familienvater sich in einem entscheidenden Moment als Feigling zeigt und damit danach nicht zurechtkommt, hat ­Ruben Östlund sich als der Verhaltensforscher unter den heutigen Künstlern des Kinos offenbart.In diese Richtung geht er nun auch mit „The Square“. Er vergleicht sein Interesse mit dem eines Naturfilmers: „Wenn der einen Löwen filmt, der einen Büffel frisst, dann tut er das nicht, um eine kritische Perspektive auf den Löwen zu werfen. Im Gegenteil, der Löwe wird uns wahrscheinlich gefallen, weil er das tut, was ein Löwe eben tut.“ Löwen sind Löwen, und Büffel sind Büffel, nur Menschen ­schauen auf diesen Unterschied so, dass sie darin ein ­Dilemma erkennen.

Und aus diesen Dilemmata macht Ruben Östlund seine Filme. Da kann es dann schon vorkommen, dass eine Frau mit einem Affen zusammenlebt, wie es bei der Journalistin Anne der Fall ist, gespielt von der Amerikanerin Elisabeth Moss, bekannt aus der Fernsehserie „Mad Men“. „Diese Szene haben wir in Berlin gedreht“, erinnert sich Ruben Östlund. „Das mag jetzt vielleicht als eine abstruse Idee erscheinen, aber ich bin einfach kein Fan dieser orthodoxen angloamerikanischen Dramaturgien mit einer Hauptfigur, drei Akten und am Ende eine Lösung für alles. Ich wollte einen wilden Film machen.“ Wild auch in dem Sinn, dass die Grenzen der Kultur die ganze Zeit hinausgeschoben werden.

„The Square“ hat tatsächlich etwas Enzyklopädisches mit seinem Versuch, eine moderne ­Gesellschaft in allen ihren vielen Facetten ­(Intimität, Prestige, symbolische Formen, Spiel, Konkurrenz …) zu durchschauen. ­Lustigerweise kommt Östlund bei seinem Versuch, zu erklären, was nun genau das Quadrat (The Square – Der Platz) ist, noch einmal auf Berlin zu sprechen. „Der Square ist im Film ein symbolischer Ort, an dem wir uns darüber Gedanken machen, wie wir im öffentlichen Raum miteinander umgehen. Man hätte aber genauso gut eine Fußgängerkreuzung nehmen können. Das ist ein ­fantastischer Ort, an dem wir jeden Tag sehen, wie sehr wir daran gewöhnt sind, dass unsere Verhaltensweisen von Regeln und Einsichten bestimmt sind, aber auch von Veränderungen. In Berlin darf man ja nicht bei Rot über die Kreuzung gehen, habe ich gelernt.“ Dieses spezielle Thema kann man mit Östlund dann noch fünf Minuten in alle Einzelteile zerlegen, denn so etwas interessiert ihn. „Als mein Vater klein war, hat man ihm jeden Tag ein Schild mit der Adresse umgehängt, und fest darauf vertraut, dass er von der Schule nach Hause kommen würde. Heute hat sich der öffentliche Raum in eine Zone des Verdachts verwandelt.“ Und wer bei Rot über die Kreuzung geht, wenn ein Kind zusieht, ist ein Mörder.

„The Square“ ist ein brillanter, auch anstrengender Film mit einer Menge toller Ideen für ein Publikum, das sich darin vermutlich in vielerlei Hinsicht wiederkennen kann. Die naheliegende Idee scheint Östlund dann aber doch zu überraschen: „Das Kino ist ja auch ein Square, da haben Sie ganz recht. Es macht uns mit dieser luxuriösen Position vertraut, in der wir sind, und in der wir die Möglichkeit haben, uns zu überlegen, warum menschliche Wesen sich so verhalten, wie sie sich verhalten.“

The Square S/D/F/DK 2017, R: Ruben Östlund, D: Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West, Start: 19.10.

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