Mystery

„Thelma“ im Kino

Böden an der Decke: „Thelma“ hat besondere Fähigkeiten – und sucht ihren Weg in der großen Stadt

Koch Films

Joachim Trier ist ein Fan des amerikanischen Genrekinos der 70er- und 80er-Jahre. Schon häufiger hat der mittlerweile als international bekanntester Filmemacher seiner Heimat Norwegen geltende Regisseur seine Bewunderung etwa für Brian De Palma kundgetan. Und so verwundert es nicht, wenn einem zu Triers jüngstem Film „Thelma“ auch gleich De Palmas Stephen-King-Verfilmung „Carrie“ (1976) in den Sinn kommt. Weniger als ästhetischer oder inszenatorischer Bezugspunkt, aber doch in der thematischen Parallele der Geschichte um eine junge Frau, die von religiösen Eltern kontrolliert wird und sich langsam ihrer übersinnlichen telekinetischen Fähigkeiten bewusst wird. Doch Trier wäre nicht der intelligente Filmemacher, der er ist, wenn er die „Carrie“-Horrorstory nicht auf eine ambivalente Weise weiterdenken und in seine eigene kühle Bilderwelt überführen würde.

Triers Hauptfigur ist Thelma (Eili Harboe), eine junge Frau aus der Provinz, die gerade in Oslo erste Schritte in das Studentenleben wagt. Anschluss hat die zurückhaltende Thelma bislang nicht gefunden, was wohl auch auf ihren sich nach und nach abzeichnenden familiären Hintergrund zurückzuführen ist: Von scheinbar kontrollwütigen Eltern streng christlich erzogen, haben Partys mit Drogen und Sex in ihrem bisherigen Dasein in der nördlichen Abgeschiedenheit offensichtlich keine Rolle gespielt. Doch das neue Leben bietet auch neue Möglichkeiten: Als Thelma von einem starken sexuellen Verlangen zu ihrer Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins) erfasst wird, treten Erziehung und unterbewusst gesteuerte, bislang ungeahnte Kräfte in einen Konflikt, der Thelmas Körper in der Form von epilepsieähnlichen Anfällen buchstäblich in Aufruhr versetzt.

 

Trier findet starke Bilder für Thelmas plötzlich erschütterte und auf den Kopf gestellte Welt: die bebende Decke des Opernhauses, als sich Anjas Hand während einer Ballettaufführung langsam an Thelmas Schenkel hochschiebt. Oder das Schwimmbecken, in dem der Boden plötzlich oben zu sein scheint. Dazu kommen immer wiederkehrende erotische (Tag-)Träume mit einer Schlange, dem christlichen Symbol der Sünde. Thelmas mit ihren Krämpfen in Verbindung stehende übersinnliche Fähigkeiten entfaltet der Film in einer Reihe von sich aufeinander beziehenden Rückblenden in ihre Kindheit. Dabei wird klar, dass Thelma Dinge geschehen lassen kann, wenn sie sich diese wirklich wünscht. Und das kann auf ihre aktuelle Situation bezogen auch bedeuten, den grässlichen Zwiespalt ihres Gewissens loszuwerden – mit allen Konsequenzen.

Die Zeichnung der Figuren in „Thelma“ ist auf eine geschickte Weise sehr ambivalent: Als Zuschauer steht man klar auf Seiten der jungen Frau, die versucht, sich abzunabeln, ein eigenes Leben zu führen und Liebe zu finden. Zugleich besitzt sie diese ungeheure und uneingeschränkte Macht, mit der sie – zunächst unterbewusst, später kanalisiert – durchaus Schreckliches bewirken kann. Ihre Gegenspieler, die Eltern, wirken stets ruhig und besorgt. Sie kennen Thelmas Fähigkeiten seit ihrer Kindheit und haben Furchtbares mit ihr erlebt: Religion und dauernde Kontrolle sind eine zumindest nachvollziehbare Reaktion auf diese Geschehnisse. Dass hinter der Sanftheit des Vaters aber Abgründe lauern, weiß man aber bereits seit der irritierenden ersten Sequenz, wenn er sein Jagdgewehr statt auf ein Reh auf den Hinterkopf der kleinen Thelma richtet.

Wenn man den Begriff Horrorfilm entsprechend dehnt, dann lässt sich „Thelma“ durchaus als solcher bezeichnen. Einer, der die Schrecken des Unterbewussten in ruhige, klare und oftmals verstörende Bilder fasst. Das viele Kunstblut von „Carrie“ braucht es dazu nicht: Nichts ist furchtbarer als die menschliche Psyche und was man ihr alles antun kann. Lars Penning

Thelma N/F/DK/S 2017, 116 Min., R: Joachim Trier, D: Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen, Ellen Dorrit Petersen, Start: 22.3.

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