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„Tiger Factory“ im Kino

Tiger Factory

Dieser Film handelt von einem Alltag, der eigentlich keiner sein sollte. Er begleitet eine junge Frau auf ihren Wegen durch die Unwegsamkeit. Und auch wenn er eher vom Überleben als vom Leben handelt, ist „Tiger Factory“ ein schöner Film. Weil er seine ungeteilte Aufmerksamkeit der 19-jährigen Ping schenkt, die zur chinesischen Minderheit Malaysias gehört. Und das macht sie schon zu einer Außenseiterin. Woo Ming Jins Film wird dies nicht weiter thematisieren, denn seine Stärke besteht darin, ohne große Worte und Erklärungen auszukommen. So schafft er Raum für eine ungewöhnliche Spannung, die nicht aus einer Drehbuchdramaturgie, sondern vielmehr aus dem Rhythmus eines Tagesablaufs resultiert. Aus den einzelnen Handgriffen, Verrichtungen und anderen Mosaiksteinchen setzt sich allmählich so etwas wie eine Existenz zusammen.
Zunächst aber stellt uns „Tiger Factory“ vor einige Rätsel: Warum arbeitet Ping rund um die Uhr – als Köchin und Kellnerin in einer Garküche, als Arbeiterin in einer Schweinefarm, obwohl sie schwanger ist? Warum ist nie die Rede vom Vater des Kindes? Wer ist die seltsame Frau, die sie Tante nennt, die sich aber nie wie eine verhält? Und wofür braucht Ming das Geld, das sie so eisern spart?
Es ist die Entschlossenheit in ihrem Gesicht, die den Zuschauer ahnen lässt, dass hier eine junge Frau ihrem Leben eine andere Richtung geben möchte. Ping erinnert an eine Kriegerin, die sich im Feindesland durchschlagen muss. Und dieses Feindesland und seine Gebräuche und Strukturen muss der Zuschauer entziffern lernen.
Zu der Außenseiterin Ping werden sich weitere Außenseiter gesellen. Emigranten aus ärmeren asiatischen Ländern. Für eine kurze Weile werden sie eine Notgemeinschaft bilden und einander Rückhalt geben bei einem furchtbaren Job, der sie zusammenführt und der der uns daran erinnert, dass alles, aber auch wirklich alles auf dieser Welt käuflich ist. Irgendwann wird das Geldbündel von Ping dick genug sein, vielleicht kann sie sich jetzt in der Ferne eine bessere Zukunft leisten. Man hofft es für sie!

Text: Anke Leweke

Foto: Aries Images

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Tiger Factory“ im Kino in Berlin

Tiger Factory (The Tiger Factory), Malaysia/Japan 2010; Regie: Ming Jin Woo; Darsteller: Fooi Mun Lai (Ping), Pearlly Chua (Madame Tien), Susan Lee (Mei); 85 Minuten; FSK 0

Kinostart: 22. September

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