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Tim Burton über seinen neuen Film „Frankenweenie“

Tim Burton

Das Entsetzen steht Tim Burton ins bleiche, unrasierte Gesicht geschrieben, nervös nestelt er an seiner getönten Riesenbrille. „Ich muss hier raus“, stöhnt er schließlich, „der Anblick ist ja nicht auszuhalten. Sehen Sie nur: Ich bekomme richtig Gänsehaut!“ Der Grund für die plötzliche Panikattacke des Regisseurs misst vier Quadratmeter, steht auf Spanplatten unter Flutlicht und wird gerade tausendfach fotografiert. Kein Monster, keine Mutation weit und breit – nur eine Kamera und das Modell einer Grundschule, Marke kalifornischer Flachbau. In Burbank ist Tim Burton in den Sechzigern in genau so eine Schule gegangen. Und er hat es gehasst.
„Ich hasste die Schule, die Autoritäten, den dumpfen Konformitätsdruck so sehr“, erinnert er kopfschüttelnd, „dass ich als Kind dauernd Albträume bekam. Ein echtes Trauma, Mann. Wenn ich jetzt das Gebäude für den Film sehe, fühle ich mich gleich wieder wie ein Kind, das machtlos den Launen der Lehrer ausgeliefert ist. Da haben Sie’s: Vampire bringen mich zum Lachen und die Schule ist für mich der Inbegriff des Horrors.“
Vampire hat Burton öfter im Sinn an diesem Frühlingstag 2011, weil er vor den Toren Londons eigentlich gerade „Dark Shadows“ inszeniert, seine inzwischen längst gestartete TV-Adaption mit Johnny Depp. In freien Stunden allerdings eilt der Regisseur in die City, um in der Nähe seines Wohnortes den Drehort von „Frankenweenie“ zu besuchen. Wäre doch gelacht, wenn ein Energiebündel wie Burton nicht zwei Filme parallel inszenieren kann. Zumal es sich bei „Frankenweenie“ um sein drittes Stop-Motion-Trickfilmprojekt nach „Nightmare before Christmas“ und „The Corpse Bride“ handelt – was in der Realität für den Regisseur in erster Linie eine Geduldsprobe darstellt.
Tim Burton„Ich weiß nicht, wie du das schaffst, ohne wahnsinnig zu werden“, raunt Burton etwas fassungslos dem Animateur zu, der in einem fensterlosen Raum damit beschäftigt ist, eine Puppe aus dem Bett aufstehen zu lassen. Drei Tage Arbeit – für sechs Sekunden Puppentheater im fertigen Film. Knapp hundert Spezialisten sind beim „Frankenweenie“-Dreh in den 3-Mills-Studios damit beschäftigt, auf zwei Dutzend Miniaturbühnen kurze Sequenzen einzufangen. Manche Sets sind detailgenau ausgestattet wie Puppenhäuser, anderswo ragt ein mannshohes Riesenrad über die Kulisse eines Rummels. Niemand ruft „Action“, kein Assistent mahnt zur Stille. Einem Film dabei zuzuschauen, wie er sprichwörtlich Bild für Bild fotografiert wird, atomisiert das kollektive Konzept von Dreharbeiten und schärft den Blick für reines Handwerk.
Nirgendwo wird das beim „Frankenweenie“-Produktionsrundgang mit Tourleiter Tim Burton deutlicher als in der Werkstatt nebenan. Mit Einweghandschuhen und Pinzetten basteln Filigrankünstler am Personal des Filmes, verkleben Echthaar zu Augenbrauen, zeichnen Pupillen auf große Glasaugen und sortieren Gliedmaßen in Einweggläser. „Das ist die Zauberkammer, in der unser Film tatsächlich zum Leben erweckt wird“, sagt Burton und empfängt liebevolle Blicke seines Teams. Mehr kann der Regisseur in dieser kleinteiligen Phase des Projekts auch nicht tun. Burton motiviert mit Scherzen und inspiriert als Hipster-Chef. Doch man merkt ihm eine gewisse Ungeduld an – herumstehen und zuschauen ist nichts für einen so kreativen Geist. Anderthalb Jahre wird es dauern, bevor sein Team das Material für einen „Frankenweenie“-Rohschnitt zusammengetragen haben wird. Anderthalb Jahre, in denen Ideen und Figuren reanimiert werden, mit denen sich Burton schon seit der Kindheit beschäftigt. Als junger Zeichner für den Disney-Konzern entwickelte er bereits einen Film von 29 Minuten Länge, in dem der tote Hund eines Kindes zum Leben erweckt wird wie die berühmte Kreatur von Mary Shelley. Die „Frankenweenie“-Kurzfassung sollte damals als Vorfilm einer „Pinocchio“-Wiederaufführung laufen – und wurde von den entsetzten Disney-Leuten in den Giftschrank gesperrt.

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