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Tim Burtons „Alice im Wunderland“ im Kino

Seit ihrem Erscheinen 1865 und 1872 sind Lewis Carrolls Nonsens-Märchen „Alice’s Adventures in Wonderland“ und „Through the Looking-Glass“ nie vergriffen gewesen. Sie wurden in weit über 100 Sprachen übersetzt und unzählige Male bearbeitet. Es gibt Theaterstücke, Mu­sicals, Opern, Ballette, Real- und Animationsfilme, Pornos und Songs, Computer- und Hörspiele. Dabei flottieren die Gestalten der beiden Bücher – Mad Hatter, March Hare, Dormouse, Cheshire Cat, Tweedledee und Tweedledum u.v.a.m. – meist frei durch den Adaptionsraum. Und auch die Abenteuer, die Alice im Wunderland am Ende des Kaninchenbaus zu bestehen hat, folgen eher selten der ohnehin assoziativen Reihenfolge, die Carroll ihnen dereinst gegeben hat.
Ein Umstand, der Tim Burton erklärtermaßen dazu motivierte, Sinn zu stiften und Ordnung ins Chaos zu bringen. In seiner visuell überbordenden Aneignung rahmt die bevorstehende Verlobung der Titelheldin eine klassisch dramatisch verlaufende Erzählung ein, die von der Tyrannei der Roten Königin handelt und im Kampf Alices mit dem Drachen Jabberwocky kulminiert.
Gewagt? Durchaus. Aber im Kontext der Rezeptionsge­schich­te auch nicht ungewöhnlich. Zumal sich der Stoff als ausgesprochen widerständig erweist und seine subversive Kraft diesmal an der filmischen Oberfläche entfaltet. Mit einer Mischung aus Computeranimation und realem Schauspiel gelingt es Burton, das „Alice …“ mitbestimmende Thema der „falschen Proportionen“ irritierend eindrücklich werden zu lassen. In diesen ständig fließend sich verzerrenden Bildern, auf denen größenmäßig nichts zusammenpasst – die einen zu lang, die anderen zu kurz geraten wirken, gigantische Köpfe auf winzigen Körpern und riesige Augen in bleichen Gesichtern sitzen –, überdauern Wahnsinn und rebellische Hysterie. Es steckt in diesen Bildern der Kampfgeist einer phantastischen Welt, die seinerzeit als Gegenentwurf zum rational geprägten viktorianischen England entstand. Genügend Kampfgeist, um Burtons zur Unzeit entwickelten Ordnungssinn humpelnd vom Feld zu schicken.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Alice im Wunderland“ im Kino in Berlin

Alice im Wunderland (Alice in Wonderland), USA 2010; Regie: Tim Burton; Darsteller: Mia Wasikowska (Alice), Helena Bonham Carter (Red Queen), Johnny Depp (Mad Hatter); Farbe, 108 Minuten

Kinostart: 4. März

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