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„Timbuktu“ im Kino

Timbuktu

Es ist eine ungeheuer einprägsame Szene, mit der Abderrahmane Sissakos Film „Timbuktu“ beginnt: Afrikanische Masken sind wie Zielscheiben im Wüstensand aufgestellt, und dann beginnt das Werk der Zerstörung. Kugeln zerfetzen Kunst, am Ende hängen die Reste alter Darstellungen in der Luft. Es ist ein Sinnbild, das auch auf den europäischen Blick verweist. Denn hier gelten die Masken als ein Inbegriff von Afrika. Den Islamisten gelten sie als Inbegriff von Gottlosigkeit.
Im Jahr 2012 besetzten muslimische Fundamentalisten die Stadt in Mali, die für ihre Bibliotheken weltberühmt ist und als eines der kulturellen Zentren südlich der Sahara gilt. Diesen Feldzug macht Sissako zum Thema, allerdings auf eine stilistisch originelle Weise. Denn „Timbuktu“ ist keine im strengen Sinne realistische, dramatische Darstellung sozialer Prozesse. Vielmehr nötigt der mauretanische Regisseur das Publikum, genau hinzusehen und auch zu hören, um die Spannungen wahrzunehmen, die ja viel komplexer sind, als es die neuen Anordnungen vermuten lassen.
TimbuktuDass nach dem Einmarsch der Milizen die Scharia, also das islamische Recht gilt, wird zwar mit Lautsprecherdurchsagen verkündet. Aber die Leute reagieren darauf pragmatisch – eine Fischverkäuferin weigert sich aus guten Gründen, Handschuhe anzuziehen – oder ziehen sich in die privaten Räume zurück, um dort zu singen und Musik zu machen (was natürlich auch verboten ist). Kinder spielen Fußball ohne Ball. Eine Frau mit nicht ganz klarer religiöser Präferenz (Voodoo-Priesterin?) lässt sich von den zum Teil völlig verschüchterten Gotteskriegern nicht beeindrucken.
Sissako, der seit den Neunzigerjahren das afrikanische Kino mit eigenwilligen Arbeiten immer wieder auf seine problematischen Voraussetzungen verwies, schließt mit „Timbuktu“ auch dem Filmtitel nach an seinen großen Film „Das Weltgericht von Bamako“ an. Dort strengte eine Art zivilgesellschaftlicher afrikanischer Kongress einen symbolischen Prozess gegen die Weltbank an. In „Timbuktu“ steht nun ein menschlicher, praktischer, kulturell flexibler Islam auf dem Spiel.
TimbuktuIm Zentrum der Geschichte steht ein Rinderzüchter namens Kidane, der mit seiner Familie und einer kleinen Herde in den Dünen außerhalb der Stadt lebt. Er verliert ein Tier und gerät darüber in einen Streit, bei dem ein Mann zu Tode kommt. Sissako zeigt das in einer großen, mit viel Pathos aufgeladenen Einstellung, die sich deutlich vom Rest des Films unterscheidet. Denn „Timbuktu“ ist immer wieder vor allem eine leise, diskrete Beobachtung der Vorgehensweise der Fundamentalisten, die vielfach die lokale Sprache (aber auch Arabisch) nicht sprechen, die glauben, sie könnten nun jede Tochter heiraten, und die sich immer wieder eher ungeschickt als brutal anstellen.
An manchen Stellen wirkt „Timbuktu“ beinahe wie eine Satire auf den Dschihad, zum Beispiel, wenn einer der Scharia-Krieger auf Buschwerk feuert, weil es ihn an das Schamhaar einer Frau erinnert. Sissako gibt das Unternehmen Gottesstaat auf eine sanfte Weise der Lächerlichkeit preis, denunziert dabei aber nicht die einzelnen Figuren, die immer wieder fast hilflos wirken. So entsteht in „Timbuktu“ allmählich ein überwältigendes Gefühl von Tragik.
Die besondere Qualität dieses Films liegt letztendlich darin, dass er vermutlich auch für ein afrikanisches Publikum funktionieren würde. Allzu oft wenden sich Filme dieser Art vor allem an ein internationales (Festival-)Publikum. Sissako aber ist ein Künstler, der nach allgemein verständlichen Formen sucht. Die Fundamentalisten wird er damit allerdings trotzdem nicht erreichen. Denn selbstverständlich ist auch das Kino verboten.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: 2014 Les Films du Worso / Dune_Vision

Orte und Zeiten: „Timbuktu“ im Kino in Berlin

Timbuktu, Frankreich/Mauretanien/Mali  2014; Regie: Abderrahmane Sissako; Darsteller: Pino Desperado (Kidane), Toulou Kiki (Satima), Abel Jafry (Abdelkrim); 96 Min.

Kinostart: Do, 11. Dezember 2014

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