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Timothy Spall im Interview

Timothy Spall als William Turner in

Fast jeder Kinogänger dürfte Timothy  Spalls unverwechselbares Gesicht bereits auf der Leinwand gesehen haben. Meist spielte der Londoner Charakterschauspieler in prägnanten Nebenrollen, doch für seinen langjährigen Freund und Lieblingsregisseur Mike Leigh übernahm er in dessen Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“ jetzt den Titelpart – und wurde für seine bemerkenswerte Darstellung des britischen Malers William Turner prompt beim Festival in Cannes ausgezeichnet.

tip Mr. Spall, wie früh waren Sie als langjähriger Wegbegleiter von Mike Leigh in die Entwicklung von „Mr. Turner“ eingebunden?
Timothy Spall?Dass er die Idee habe, einen Film über Turner zu drehen, erzählte mir Mike schon vor rund sieben Jahren. Konkret wurde die Sache allerdings erst einige Jahre später. Wenn du die Rolle spielen willst, sagte er, dann musst du schon mal anfangen, das Malen zu üben. Was ich dann ab 2011 auch tat!

tip Sie haben tatsächlich jahrelang geübt wie Turner zu malen?
Timothy Spall In der Tat. Gerade weil ich in dieser Hinsicht zumindest eine kleine Begabung habe. Hätte ich null Talent, wäre mir das womöglich herzlich egal gewesen. So aber packte mich der Ehrgeiz. Und so viel Spaß mir das Malen gemacht hat, so mühsam war der Prozess auch. Aber mein Lehrer war die Wucht. Er half mir nicht nur dabei, Turners Stil zu kopieren, sondern vermittelte mir Grundkenntnisse der Malerei, wie sie andere in vier Jahren Kunsthochschule lernen.

Timothy Spalltip Wie haben Sie sich Turner jenseits der Malerei zu eigen gemacht, von der Persönlichkeit bis hin zu diesem Grunzen, das im Film fast zum Running Gag wird?
Timothy Spall Das war in diesem Fall nicht anders als bei anderen Filmen von Mike: Man fängt mit Improvisationen an, die man nach und nach zu einer Figur verdichtet. Natürlich spielte bei „Mr. Turner“ mehr als sonst auch Recherche mit hinein. Zwei grandiose Bücher haben mir besonders weitergeholfen, von James Hamilton und Jack Lindsay.

tip Stand darin auch die Sache mit dem ?Grunzen?
Timothy Spall Bezeugt sind eher Dinge wie sein unglaublich heftiger Cockney-Akzent. Aber das Grunzen ergab sich aus dem Verständnis, das ich für ihn, für seine Persönlichkeit und seine Seele bekam. Aus seinem Selbsthass und dem Missfallen an seinem gedrungenen Äußeren. Aus seiner Exzentrik und Introvertiertheit. Aus dem übergroßen Schatten, den seine psychisch mehr als labile Mutter auf sein Leben warf. Nicht zuletzt ihretwegen trug er tief in seinem Inneren ein Leben lang diesen verhärteten Kern aus Schmerz mit sich herum, der ihn letztlich in die geradezu therapeutische Malerei trieb. Ich glaube, es gab viel, was Turner eigentlich sagen und loswerden wollte. Aber wenn er den Mund aufmachte, konnte da einfach nichts herauskommen. Nur in seinen Bildern konnte er sich ausdrücken.

tip Wo liegen die Fallstricke, wenn man als Schauspieler eine solche wortkarge Introvertiertheit darstellen muss?
Timothy Spall Wenn man mit Mike Leigh arbeitet, gibt es eigentlich keine Fallstricke. In seiner Arbeitsweise arbeitet man Schritt für Schritt und Szene für Szene so präzise die Nuancen der Geschichte und Figuren heraus, dass dann vor der Kamera nie Zweifel herrscht, was man sagen oder welche Regungen man zeigen soll. Jeder Moment und jeder Dialog wird individuell herausgearbeitet, und wie bei einer Kernspintomografie setzt sich daraus scheibchenweise der Film zusammen.

Timothy Spalltip Hat sich an dieser viel gerühmten, nie von einem Drehbuch ausgehenden Methode Leighs in all den Jahren, in denen Sie mit ihm arbeiten, etwas verändert?
Timothy Spall Kein bisschen. Man könnte meinen, dass er sich im Laufe der Zeit die Arbeit ein wenig leichter macht und vielleicht hier und da mal eine Abkürzung nimmt. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir Schauspieler beim Kreieren unserer Figur heute nicht mehr nur eine einzige Person als Blaupause nehmen, sondern mehrere miteinander verschmelzen. Was ohne Frage der Grund dafür ist, dass seine Filme über die Jahre immer vielschichtiger und runder wurden.

tip Wie würden Sie denn eigentlich nach fünf gemeinsamen Kinofilmen, einer TV-Produktion und einem Theaterstück Ihr Verhältnis zueinander beschreiben?
Timothy Spall Es ist schon ein sehr spezielles. Nur deswegen halten wir es ja so lange miteinander aus. Kennengelernt habe ich Mike bei einem ?Vorsprechen vor 32 Jahren, in der gleichen Woche, in der ich meine Frau geheiratet habe. Meine private und meine berufliche Ehe sind also im Grunde gleich lang. Natürlich gibt es in beiden die üblichen Höhen und Tiefen. Aber ich kann ohne zu zögern sagen, dass Mike einer meiner engsten Freunde und meiner großen Helden ist. Auf wenige Dinge ?in meinem Leben bin ich so stolz wie darauf, einer seiner Wegbegleiter und Mitarbeiter zu sein.

Interview: Patrick Heidmann

Fotos: 2014 PROKINO Filmverleih GmbH

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Mr. Turner – Meister des Lichts“ im Kino in Berlin

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