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Tom Tykwer über Rosa von Praunheim

Tom Tykwer

tip Herr Tykwer, was verbindet Sie mit Rosa von Praunheim?
Tom Tykwer Rosa von Praunheim war in den frühen Jahren der maßgeblichste Einfluss meines künstlerischen Lebens. Kennengelernt haben wir uns in den späten Achtzigern, als ich das Moviemento Kino gemacht habe. Ich spielte da auch Rosas „Überleben in New York“, der bei uns bestimmt 30 Wochen ausverkauft lief. Der Film war toll, die Stimmung wunderbar. Nach einiger Zeit kam Rosa einmal pro Woche für ein Publikumsgespräch vorbei. Montags, wenn das Geschäft eigentlich nicht so gut lief, war der Film dann auch ausverkauft. Er war jede Woche da, und wir haben uns irrsinnig gut verstanden. Ich bin dann auf eine bestimmte Art ein Schüler von ihm geworden. Er hat ja mitbekommen, dass ich als Regisseur arbeiten wollte und selbst schon eigene Projekte in der Schublade hatte. Als ich ihm von denen erzählte, hat er mich eigentlich immer zusammengestaucht, weil das alles so irre uninteressant und öde wäre. Und das stimmte ja auch: Ich steckte damals als Film-Fan, als spezialistischer Nerd in dieser komischen Imitations-Schleife. Ich musste mich noch an meinen Vorbildern abarbeiten und hatte noch keinen Zugang dazu gefunden, was ich spezifisch aus mir heraus entwickeln könnte. Das ist das trivialste aller Geheimnisse der Welt: Ein Film ist nur dann interessant, wenn man den inneren Druck des Filmemachers und seiner kreativen Gruppe spürt. Dass er/sie das sagen und erzählen muss, weil es ihn/sie persönlich betrifft und eben nicht nur ein schlechtes Imitat ist von irgendeiner idolisierten Filmgeschichtserinnerung. Insofern war ich also darauf angewiesen, dass mir Rosa ganz massiv sagte: „Lass das sein. Wenn du so arbeitest, wird dein Film keine Sau interessieren.“ Irgendwann habe ich das wirklich begriffen und dann eine sehr persönliche, viel privatere Geschichte verfilmt und meinen ersten Kurzfilm gemacht.

tip Das war 1990, der Film war „Because“.
Tom Tykwer Das stand ganz klar unter Rosas Diktum, einerseits darunter leidend, aber zugleich auch nachvollziehend. Für mich war das der große Durchbruch: Der Film war zwar irgendwie stolperig und eigentümlich, aber er kam wirklich aus meinem Inneren, bei allem Interesse an filmischen Formen und Erzählweisen war er durchdrungen von etwas persönlich Erlebtem. Ich wusste, wovon ich spreche und damit auch, wovon die Figuren sprechen. Der Film war ein Erfolg, lief auf Festivals und hat mir letztlich die Tür zum eigensinnigen Filmemachen geöffnet. Und seitdem bin ich auch ein anderer, und das nur wegen Rosa. So verdanke ich ihm eigentlich alles.
Ohne ihn hätte ich die Kurve wahrscheinlich nicht gekriegt. Wo ich jetzt bin, auch wenn das möglicherweise anders aussieht, bin ich letztlich auch wegen Rosas grundsätzlicher Ablehnung jeglichen filmischen Dogmas. Er würde einem nie eine bestimmte Ästhetik vorschreiben oder eine spezifische Erzählform. Entscheidend ist, das hat er mir klar gemacht, die innere Haltung.

Aufgezeichnet von Thomas Klein

Rosas Kinder
Anlässlich von Rosa von Praunheims Geburtstag hat Tom Tykwer gemeinsam mit den Filmemachern und Praunheim-Schülern Chris Kraus, Julia von Heinz, Robert Thalheim und Axel Ranisch einen Omnibusfilm gedreht. Im Rahmen einer Benefizgala hat das Werk am 23.11., 20 Uhr im Kino Babylon Mitte Premiere.

Im Rahmen eines Themenabends ist „Rosas Kinder“ auf arte am So, 25.11. zusammen mit sieben Praunheim-Filmen zu sehen.

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