Tragikomödie

„Toni Erdmann“ im Kino

Improvisation und Hochstapelei. Mit „Toni Erdmann“ hat Maren Ade den deutschen Film des Jahres geschaffen – ihr gelingt zudem der schwierige Spagat zwischen Arthouse und Komödie

Foto: NFP

Wer in diesen Sommerwochen Maren Ade treffen will, muss früh aufstehen. Nach dem ­Triumph von „Toni Erdmann“ beim Festival in Cannes ist ihr Terminkalender explodiert, vor allem aber ist ein Faktor zu berücksichtigen: Sie hat Familie, ein kleines Kind hat Anrecht auf die Mutter, da lassen sich am besten morgens ein paar Stunden für Interviews einschieben.

Sie muss schon zahllose gegeben haben, als der tip an die Reihe kommt. Aber sie wirkt keineswegs so, als hätte sie alles schon gesagt. Das passt gut zu einem Film, der ungeheuer reich an wunderbaren Momenten ist. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll – also doch am besten mit einer konventionellen Frage: Woher kamen die Ideen für diese Komödie um eine junge deutsche ­Unternehmensberaterin in Bukarest, die eine fürsorgliche Belagerung durch ihren Vater erlebt? Immerhin hat es nach Maren Ades „Alle anderen“ sieben Jahre ­gedauert, bis „Toni Erdmann“ herauskam. Das könnte ja auch auf eine recht komplizierte Produktionsgeschichte ­hindeuten. War es aber nicht. Es musste nur eines zum anderen ­kommen. „Die Idee einer Komödie spielte von Anfang an eine ­Rolle“, erzählt Maren Ade. „Ich hatte den Wunsch, so ­etwas ­auszuprobieren und ein bisschen mehr in Richtung Genre zu gehen. Der Vater im Film beginnt ja für seine ­Tochter eine Komödie zu spielen. Ein kleiner Teil davon hat auch mit meinem Vater zu tun, der ein gutes Repertoire an Scherzen hat und dessen Humor mich ­geprägt hat.“
Eine sehr spezielle Form von Komödie, aus dem Geist der Improvisation und der Hochstapelei, verbindet sich in „Toni Erdmann“ mit einem sehr genauen Blick auf eine Welt, in die man nur selten Einblicke bekommt: die ­extrem leistungsbewussten Berater, die überall gerufen werden, wenn irgendwo ein Unternehmen effizienter und profitabler werden will.

Maren Ade hat unter anderem Filme von Harun Farocki noch einmal angeschaut, um sie mit ihren Eindrücken bei Recherchereisen nach Bukarest zu verbinden. „In Rumänien gab es nach dem Ende des Kommunismus diesen krassen Ausverkauf, von dem Deutsche und ­Österreicher sehr stark profitiert haben. Schrecklicherweise gehört den Rumänen fast nichts mehr alleine. Der große Boom war schon vorbei, als ich kam, aber die Expats hatten immer noch diese leuchtenden Augen. Die internationalen Geschäftsleute verstehen sich dabei prächtig mit der rumänischen Upperclass.“
Die rumänische Produ­zentin Ada Solomon nahm ihr die Angst davor, mit ihrer „Außenperspektive“ selbst in die Nähe der neuen Kolonisatoren zu geraten – denn Parallelen zwischen der Filmwelt und der Welt des Big Business gibt es durchaus. Rumänien ist ein Land mit heraus­ragenden Regisseuren, Corneliu Porumboiu war bei der Produktion von „Toni Erdmann“ behilflich. Die Distanz zu der fremden Welt wird an manchen Stellen fast aufgehoben, gleichzeitig bleibt immer klar, dass Ines ­(Sandra Hüller) und ihre Kollegen in einer Art Blase leben.
Maren Ade findet in „Toni Erdmann“ einen ganz ­eigenen Tonfall, mit dem sie an die Sprachspiele aus „Alle anderen“ anschließt, aber einen wichtigen Schritt darüber hinausgeht. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie dieses Mal einer klassischeren Dramaturgie folgt: Was zwischen dem Vater Winfried Conradi und dessen ­Alter Ego Toni Erdmann (Peter Simonischek) und seiner ­Tochter Ines passiert, läuft im besten Sinne auf „komische ­Erleichterung“ hinaus: Peinlichkeiten lösen Verhärtungen auf. „Die beiden Hauptdarsteller Sandra wie Peter spielen wirklich gerne“, erzählt Maren Ade von den Dreharbeiten. „Sie probieren aus, sie haben sich in großem Maß auf ihre Figuren eingelassen. Man muss diesen Wunsch loslassen, dass man irgendetwas mal ,richtig‘ hat. Am Ende gibt es ein Gesamtgefühl, aber das ist nicht bei jeder Szene gleich stark da. Beide waren extrem offen und beharrlich. Es war nicht immer klar wie sehr etwas noch Sinn macht, und trotzdem sollen sie weiter Angebote machen und damit auch Geschenke geben. Das ist anstrengend.“

Nun, da der Film fertig ist und auch zügig nach der Weltpremiere ins Kino kommt, kann man sagen, dass die Wette mit „Toni Erdmann“ für Maren Ade aufgegangen ist. Sie ist mit der Firma Komplizenfilm ja auch als Produzentin involviert. Wie hält man über die lange Zeit der Entstehung eigentlich die Zweifel in Schach? „Mit einem Film ist es für mich so: Wenn man einmal losfliegt, kann man nicht mehr umkehren. Natürlich zweifle ich die ganze Zeit alles an, aber da geht es dann um konkrete inhaltliche Punkte, insofern hat der ganz große Zweifel gar nicht so viel Platz. Ich habe fast bis eine Woche vor der Premiere noch an dem Film gearbeitet, und konnte so den Gedanken an das große Ganze von mir weghalten. Durch den Erfolg von ,Alle Anderen‘ hatte ich aber auch das Gefühl von einem künstlerischen Freischein. Diese Haltung hat mir geholfen.“
Mit dieser Haltung hat Maren Ade schließlich auch eine letzte, wichtige Frage gelöst: „Toni Erdmann“ ist nämlich ganz schön lang. Mehr als zweieinhalb Stunden, normalerweise schafft das Probleme bei der Kinoauswertung. „Ich hatte auch nicht gedacht, dass der Film so lange wird, und ich habe versucht, zu kürzen. Aber der Film hat eingebüßt, mehr als 10, 15 Minuten hätte ich sowieso nicht rausnehmen können, interessanterweise hat er sich dann aber fast länger angefühlt. Und so dachte ich schließlich: Warum soll der Film weniger komplex sein, um dann immer noch sehr lang zu sein? Also haben wir ihn so gelassen.“ Zum Glück, denn „Toni Erdmann“ ist jede Minute wert.

Toni Erdmann D 2016, 162 Min., R: Maren Ade, D: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Start: 14.7.

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