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Tony Scotts „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1-2-3“

Die_Entfuehrung_der_U-Bahn_Pelham_1-2-3-Zwischen „films“ und „movies“ bestehe im Kino ein Unterschied, erklärte Quentin Tarantino einst mit der ihm eigenen Logik. Films – das wären die ernsten, erwachsenen, Sinn suchenden Werke, nichts für Zuschauer mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Movies hingegen? Da wird mit Leidenschaft das Genrekino gefeiert, voll Lust an Tempo, Hedonismus, Popkultur-Referenzen – und in zehn von zehn Fällen knackigste Gewalt. Oder, um noch einmal QT zu zitieren: „Ich sehe auf der Leinwand halt lieber ein explodierendes als ein parkendes Auto.“
Nach dieser Definition ist der britische Regisseur Tony Scott unangefochtener Movie-Meister der Gegenwart. In allen seinen Filmen herrscht konstante Bewegung, jedes stilisierte Bild scheint vor Nervosität zu vibrieren, und vom U-Boot (in „Crimson Tide“) bis zur U-Bahn, wie in seinem jüngsten Film „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1-2-3“, ist nichts vor schep­pernder Destruktion gefeit. In Scotts Filmografie findet sich bodenloser Blödsinn wie „Top Gun“ oder „Last Boy Scout“. Aber er hat andererseits auch mit „True Romance“, „Spy Game“ oder „Der Staats­feind Nr. 1“ immer wieder blitzgescheit konstruierte und unwiderstehlich dynamische Thriller voll irrwitziger Figuren und Überraschungsmomente gedreht. Ein Hipster, 65 Jahre alt.

Retrospektiven wird man seinem Werk auch in Zukunft kaum widmen, doch nach über zwei Mil­liarden Dollar Box-Office weltweit dürfte die Tony-Scott-Werkschau bereits kollektiv in den Köpfen stattgefunden haben. „Meine Filme und ich selbst werden seit Jahrzehnten als zu laut und als einen Tick zu vulgär beschrieben“, kontert Scott seine Kritiker, „aber ich habe schon als junger Mann allergisch auf Geschmackspoli­zisten reagiert. Ich war dem Rock’n’­Roll immer schon näher als der Hochkultur des Establishments. Gegen ein System wie Hollywood zu wettern ist immer leicht. Ich versuche, innerhalb der Strukturen der Filmstudios und mit der Hilfe globaler Stars mit Erwartungshaltungen zu brechen. Ich gebe gern zu, dass ich dabei viel Spaß an der Provokation und an der ,Fuck you‘-Pose habe.“
Während es sich sein älterer Bruder Ridley Scott zum erklärten Ziel setzt, schlüssige Kinowelten zu schaffen, und seine Stoffe ebenso im alten Rom wie in der fernen Zukunft findet, ist Tony ein unheilbarer Zeitgeist-Junkie, der modernste Hightech-Spielzeuge, urbane Architektur und fotogene Statussymbole feiert.

Die_Entfuehrung_der_U-Bahn_Pelham_1-2-3-Die Machtzentralen Washingtons in „Der Staatsfeind Nr. 1„, der Hexenkessel Mexiko City in „Man on Fire„, das Bizarre von Las Vegas in „Domino“ und die Winkel des Molochs Los Angeles in „True Romance“ – Tony Scotts Filme sind immer auch Stadtführungen durch den Underground jenseits touristischer Motive, getrieben von der Neugier und Abenteuerlust ihres Machers. Es wird spannend zu sehen sein, was er im Kino aus der Location Berlin macht, wenn er nach seinem kommenden Remake von Walter Hills „The Warriors“ wie angekündigt den Roman „Potsdamer Platz“ des hier lebenden Autors und Regisseurs Buddy Giovinazzo angeht. Russenmafia, Ex-Stasileute und andere Finsterlinge streiten sich darin um das Geld aus dem Bauboom nach Maueröffnung. „Ich war nach der Wende mehrfach in Berlin“, so Scott, „ich war fasziniert, wie schnell sich eine so moderne Metropole im Grunde neu erschaffen hat. Ich kenne keinen vergleichbaren Fall urbaner Erneuerung. Dass bei dieser Goldgräberstimmung die Begehrlichkeiten krimineller Elemente aus Ost und West geweckt wurden, erscheint fast logisch. Das ist doch ein Thrillerstoff, wie man ihn sich nicht explosiver wünschen könnte.“

Als Tony-Scott-Film ist jedes seiner Werke schnell zu erkennen, auch sein aktueller Film „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1-2-3“ ist da keine Ausnahme. Es ist das Remake eines schlecht gealterten Siebziger-B-Movies mit Walther Matthau und Robert Shaw, aber in Scotts Version der Story, in deren Zentrum die gewaltsame Übernahme eines voll besetzten Subway-Waggons steht, um die Stadtverwaltung zur Zahlung von Millionen zu erpressen, gibt gleich zu Beginn „99 Problems“ von Jay-Z den Beat vor. Dazu zoomt die Kamera durch Manhattan und bleibt an Männern mit Hals-Tattoos und Fu-Manchu-Bärtchen hängen, die auf 100 Meter wie 200 Jahre Gefängnis aussehen. Subtilität ist beim Casting selten Scotts Anliegen, und als die Gangster eine U-Bahn kapern, um Lösegeld zu erpressen, ist man geneigt, in diesem Film einen „Stirb langsam“-Bastard zu vermuten. Doch dann landen wir bei Denzel Washington, der immerhin schon zum vierten Mal für Scott vor der Kamera steht. Diesmal als angepummelter Beamter der Verkehrsbetriebe, der von John Turturro in der Polizistenrolle bei den Geisel-Verhandlungen unterstützt wird.

Die_Entfuehrung_der_U-Bahn_Pelham_1-2-3-Es beginnt ein Duell der alten Schule zwischen Washington und Schurken-Chef Travolta – per Telefon, lauernd und beiderseits mit feinen Psychotricks. Erst nach zwei Dritteln scheint Scott seinem ungewohnt stillen Stoff dann doch nicht ganz zu trauen und lässt es ohne Not unter der Erde und auf den Straßen New Yorks krachen, bevor das Finale wieder zum Zwei­­personenstück wird.
Die visuellen Möglichkeiten des Mediums reizt Scott dabei so radikal aus, dass es ans Avantgardistische grenzt. Wie Scott populistische Stoffe als Basis nimmt, um sie dem verdutzten Publikum mit bildsprachlichen Experimenten um die Ohren zu hauen, die er zuvor bei Werbe- und Videoclips erprobt hat, zeugt von unbändigem Hunger nach dem Erweitern der Möglichkeiten des Mediums. Auch „Pelham 1-2-3“ ist streckenweise weniger Spielfilm als vielmehr der auf Leinwand projizierte Remix des gedrehten Rohmaterials. Sequenzen sind mal überbelichtet wie unter gleißender Sonne und im nächsten Sekundenbruchteil farbintensiv wie ein Foto von David LaChapelle. Extreme Close-ups, Perspektivenvielfalt und Google-Earth-Effekte (die ihm ein Copyright schulden, nicht umgekehrt) verbinden sich in durchgeknallten Schnittrhythmen zu einem massentauglichen Punkrock-Kino, das für gefühlte Dreidimensionalität keine Brille braucht. Dazu lässt er auf der Tonspur Wortfetzen und Musik überlappen wie Altman auf Speed – und knallt neuerdings gern noch gesprochene Dialoge in Lettern auf die Leinwand, was unlängst erst Danny Boyle in „Slumdog Millionaire“ übernahm.
„There’s nothing I won’t try for a killer shot“, fasst der gelernte Maler, der bis heute selbst die Storyboards zeichnet, seine Jagd nach Bildern zusammen. Dieses Trommelfeuer aus Schauwerten mag in der Summe nicht immer so gut harmonisieren wie nun bei „Pelham 1-2-3“, wo Scott in der klaustrophobischen Atmosphäre des Untergrundes Suspense-Sequenzen aufbaut, in denen er zwi­schendurch seine Stars auch ganz ohne Schneideraum-Schick­schnack inszeniert wie bei einem Zweipersonenstück für die ganz große Bühne. An seiner Risikobereitschaft könnten sich viele jüngere Kollegen ein Beispiel nehmen, die in Hollywood klangvollere Namen haben.

Text: Roland Huschke
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(tip-Bewertung: Sehenswert)

The Taking of Pelham 1-2-3 – Die Entführung der Pelham 1-2-3 im Kino in Berlin
USA 2009; Regie: Tony Scott; Darsteller: Denzel Washington (Walter Garber),
John Travolta (Ryder), John Turturro (Lieutenant Camonetti);
Farbe, 106 Minuten;
Kinostart: 24. September

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