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Ein Roadmovie der Gefühle: „Torpedo“ jetzt im Kino.

Torpedo„Willst du mir eine reinhauen?“, fragt Mia (Alice Dwyer), das Mädchen mit Wuschelmähne, Hals­tuch und Jeans, einen Fremden im Park. Sie will echtes Blut auf der Stirn tragen und „ein biss­chen vergewaltigt“ wirken, damit sie zu Hause überhaupt bemerkt wird. Dort kennt man sich mit dramatischen Auftritten aus. Mias Tante Cleo (Jule Böwe), bei der sie wohnt, ist ein hyperrealistischer Volksbühnen-Star, der zwar gekonnt einen hysterischen Monolog kreischen kann, für ihr Söhnchen und die Nichte im Alltag danach jedoch keine Power mehr übrig hat.
Helene Hegemanns Debütfilm „Torpedo“ ist ein kleines Roadmovie, in dem Mia vor der Schule davonläuft und in Berlin unterwegs ist – die Kamera im Nacken und Rockmusik im Ohr. 42 atemlose Minuten stromert das Mädchen durch ein Boheme-Biotop Berliner Theaterleute, das für Mias Gefühlslage taub zu sein scheint. Ihr coming of age ist nicht wie sonst die Loslösung von der Familie, sondern die Suche nach ihr oder gleichwertigem Ersatz. Der Schulpsychologin (Super-Nanny Katharina Saalfrank) erzählt sie in einem konzentrierten Moment, wie sehr sie sich für ihre verstorbene Mutter verantwortlich fühlte. Die Story um deren Drogensucht und Selbstmord mag ebenso kalkulierte Übertreibung sein wie das Blut der Eingangsszene, doch trifft die 16-jährige Regisseurin vor allem durch Alice Dwyers Ausstrahlung einen cool authentischen Ton, in dem sie durch die knalligen Kolportage-Elemente hindurch Trauer und Einsamkeit transparent macht.
Nachdem sie auf den Hofer Filmtagen und beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken als Wunderkind gefeiert wurde, hält Helene Hegemann mit den autobiografischen Bezügen von „Torpedo“ nicht hinterm Berg. Seit dem Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater, dem einstigen Volksbühnendramaturgen Carl Hegemann, in Berlin lebend, stürzt sie sich aufs Filmemachen wie ihre Altersgenossinnen aufs Tagebuchschreiben. Knapp, drastisch und bisweilen abgründig komisch zeigt sie, was für eine ungeheure Anfechtung der Tod bedeutet, auf den die obsessiven Erwachsenen nicht vorbereitet sind. Das Glück scheint ganz unironisch darin zu bestehen, doch noch eine zugewandte Wahlmutter zu finden, eine, die logisch denkt und lachen kann.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

Torpedo, Deutschland 2008, Regie: Helene Hegemann, Darsteller: Alice Dwyer (Mia), Jule Böwe (Cleo), Farbe, 42 Minuten

Kinostart: 5. März 2009

Bonus: Die „Torpedo“-Vorstellungen werden mit einem wechselnden, von Helene Hegemann ausgewählten Kurzfilmprogramm ergänzt.

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