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„Totem“ im Kino

Totem

„Und wo habt Ihr sie her?“ – „Internet.“ – „Da geht das, dass man da so was findet?“
Das „So was“ ist Fiona (Marina Frenk), das 23-jährige Hausmädchen einer Familie im westdeutschen Irgendwo. Vater, Mutter, beide Mitte, Ende vierzig, zwei Kinder zwischen fünf und fünfzehn. Zwei Kaninchen im Garten. Ein Durchschnittshaushalt, vielleicht, wäre da nicht der merkwürdige, surreale Zug, der sich von Anfang an in die Bilder von „Totem“ schleicht. Gleich in der Eingangsszene stellt der Film zwei weitere Familienmitglieder vor, die in den Armen von Mutter und Hausmädchen liegen. Zwei Babys, regungslos, wie tot, wenn sie je lebendig gewesen wären. Die naturalistischen Puppen beantworten der Familienmutter den letzten, unerfüllt gebliebenen Kinderwunsch, später werden sie von Fiona auf nächtliche Ausflüge im Kinderwagen mitgenommen oder vom kleinen Sohn im Keller-Solarium gegrillt.
In Jessica Krummachers „Totem“ werden die Oberflächen immer wieder brüchig, kippt scheinbare Gelassenheit ansatzlos in hysterisches Ausrasten, kommen Sexattacken im Morgenrock von hinten (die Mutter), Vergewaltigungsversuche mit Kartoffelsalat (der Vater) auf die überforderte junge Frau zu. In jedem Bild steckt eine Ambivalenz, die der Film nie ganz auflösen wird, sondern lieber steigert, ins Groteske, ins Tragische, in höchsten Wahnsinn und Vernunft. Unterbrochen werden die traum- und albtraumhaften Abenteuer Fionas von kleinen Passagen, in denen sie aus dem Off glasklare, analytisch durchdringende und dabei immer noch lyrische Kommentare zum Schicksal der Familie gibt – und zur fatalen Zeitlichkeit, in der sich alle hier verstricken. „So bin das Heute schon alle ich. Denn ich werde aufstehen und alles vorbereiten, ohne zu fragen: ‚Macht es denn überhaupt einen Sinn, das Heute zu beginnen?'“
TotemKrummacher, deren Abschlussfilm an der Münchner HFF „Totem“ ist, verstärkt mehr und mehr den drohenden Unterton, der in all diesen Bildern liegt. Von ferne ist ihr Stoff durch den authentischen Fall einer jungen Frau inspiriert, die sich aus dem niederdrückenden Hausmädchenalltag durch einen Selbstmord löste und Notizen hinterließ, die in „Totem“ nun einflossen.   
Krummachers Film lief im September auf den Filmfestspielen von Venedig in einer Nebenreihe, als einziger deutscher Spielfilmbeitrag,  und machte dort prompt Furore. Nicht leicht, so eine Idee von Kino mit so viel Eigensinn in das deutsche Filmfördersystem einzuspeisen. Die Regisseurin machte keinen Hehl daraus, wie sehr sie die Originalität ihrer Erzählung gegen die Nivellierungstendenzen des Systems hatte verteidigen müssen.
Die irritierende Mischung aus Familienbild mit gerade noch realistischen Zügen und grotesker, analytischer Abstraktion lässt Krummacher aber auch in eine ganz andere, globale Kinofamilie eintreten, in der junge Filmemacherinnen wie Athina Rachel Tsangari mit „Attenberg“ oder deren Kollege Giorgos Lanthimos mit „Alpen“ (Kinostart: 14. Juni) die Familie durch neue Filter betrachten und von ihren Mysterien als Tragikomödie mit Tierdoku-Einschlag, als neo-psychotherapeutische Familienaufstellung oder, wie nun Krummacher, als subtilem Horrorfilm erzählen.
Was in „Totem“ am Ende noch nüchternes Bild und was vielleicht nur Wahn der Heldin ist, lässt sich aus Zuschauerperspektive nicht sagen, aber die Abwehr und Verdrängung der vielfältigen inneren und äußeren Konflikte bleibt in keinem Fall ohne sichtbare Konsequenz. Der dicke schwarze Skorpion, der auf dem Fliesenboden der Küche spazieren geht, erzählt seine eigene fremde Geschichte. Ein Symptom mit Stachel, das immer weiter schmerzen wird.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Jens Pussel / Filmgalerie 451

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Totem“ im Kino in Berlin

Totem, Deutschland 2011; Regie: Jessica Krummacher; Darsteller: Marina Frenk (Fiona Berlitz), Natja Brunckhorst (Claudia Bauer), Benno Iffland (Wolfgang Bauer); 86 Minuten; FSK 12

Kinostart: 26. April

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