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„Tournйe“ im Kino

Tournйe

Seine Karriere als Schauspieler hält er für blanken Zufall. Interesse für den Gaukler­beruf kann er beim besten Willen nicht aufbringen. Dabei gehört Mathieu Amalric, 45, zu den bedeutendsten Darstellern des europäischen Gegenwartskinos. Mehr als 70 Auftritte hat er in den letzten 20 Jahren absolviert. Seine ersten großen Rollen spielte er in den Filmen Arnaud Desplechins, seither arbeitet er regelmäßig mit den Starautoren der Branche, mit Regisseuren wie Olivier Assayas, Nicolas Klotz und Alain Resnais. Und Amalrics Ruf reicht weit über Frankreich hinaus: Für Julian Schnabel übernahm er 2007 die Hauptrolle in „Schmetterling und Taucherglocke“, 2008 trat er in „Ein Quantum Trost“ als Gegenspieler James Bonds in Szene. „Für mich war das Schauspielen lange ein Kampf, es hatte etwas sehr Erschreckendes“, meint Amalric. Aber die Angst ist auch ein Motor: „Desplechin gab mir damals die Chance, tiefer in meine Schüchternheit einzudringen, dagegen anzukämpfen.“ Amalric scheint in dem weichen Pariser Hotelzimmersofa, auf dem er Platz genommen hat, fast zu versinken, während er mit nervöser Gestik seinen Worten Nachdruck verleiht, ein Glas Rotwein vor sich, die Zigarette im Anschlag. „Ich mag es ja, Dinge in Angriff zu nehmen, von denen ich keine Ahnung habe. Das Schauspielen ist Teil davon.
TournйeSeit 1993 inszeniert Amalric auch selbst: Zwei Fernseh- und drei Kinofilme konnte er neben etlichen Kurzfilmen bislang realisieren. Und man könne eben nicht vergessen, wie es war, als man sich einst in etwas schwer verliebt hat, sagt er noch: „Dieses erste starke Gefühl verschwindet nie wieder. Für mich war das eben das Filmemachen.“ Mit seiner jüngsten Arbeit, der Tragikomödie „Tournйe“, legt er nun seine bislang überzeugendste Talentprobe als Regisseur vor. Das exzentrische Sujet – der Film spielt im Va­rietй-Milieu des Neo-Burlesque – behandelt Amalric betont ungezwungen, wie etwas ganz Unspektakuläres, und er liefert so erstaunlich präzise Eindrücke von der Arbeitsrealität dieser zwischen Vaudeville, Tanz und Striptease schillernden Bühnenkunstform. „Tournйe“ dreht sich um eine durch die französische Provinz reisende Gruppe amerikanischer Burlesque-Artistinnen – von einer Kleinstadt in die nächste, jeden Abend auf einer anderen Bühne.
Der Film sieht fast dokumentarisch aus, und doch ist alles an ihm Inszenierung. Schon die klangvollen Namen seiner Darstellerinnen verweisen ins Reich der höheren Ironie: Kitten on the Keys, Dirty Martini und Mimi Le Meaux heißen die (auch im wirklichen Leben als Burlesque-Diven umtriebigen) Heldinnen dieser Geschichte. Sie alle sind keine professionellen Filmschauspielerinnen. „Stimmt, sie sind viel besser als das“, kontert Amalric. Er habe ihnen nie ein Script gegeben, ihnen lieber die Geschichte in allen Details erzählt. „So wurden wir Komplizen. Das war wie im Free Jazz: Man musste nur die grundlegenden Harmonien kennen.“
TournйeAls heruntergekommener Manager der Truppe ist Amalric selbst zu sehen – seine schrullige Performance, die von fern auch an Ben Gazzaras legendären Auftritt in John Cassavetes‘ „The Killing of a Chinese Bookie“ (1976) erinnert, passt perfekt zum schäbigen Chic des Burlesque. Eigentlich hatte er den legendären Filmproduzenten Paulo Branco für diesen Part im Sinn. Dieser erwies sich mit 60 dann allerdings als zu alt für die Rolle und Amalric blieb keine andere Wahl, als selbst einzuspringen. Seine episodische, bewusst lose Inszenierung folgt der Logik des strapaziösen Showlebens. Er betrachte „Tournйe“ übrigens als einen Film über „nicht-konformistische“ Körper: als eine Arbeit über die physische Pracht dieser Frauen, die den Normen der gegenwärtigen Schönheitsindustrie so deutlich widersprechen. Tatsächlich teilt sich der liebevolle Blick des Regisseurs auf seine Protagonistinnen dem Zuseher unmittelbar mit. Amalric betont den natürlichen Glamour der Tänzerinnen, nähert sich ihnen mit gebührendem Respekt und immenser Neugier.
Die psychische Fragilität großer Performer kennt Amalric aus nächster Nähe: „Ich liebe ja Schauspieler, die nach der Vorstellung mit ihrer großen Klappe alle bei Laune halten. Um die habe ich aber am meisten Angst, denn das sind die wirklich Verzweifelten!“ Und am Kino als Mime nicht zu zerbrechen, sei mehr als schwierig: „Wenn man in Filmen spielt, ist man niemals glücklich. Man weiß nicht, ob all das, was man vor der Kamera getan hat, überhaupt etwas taugt. Man wacht nach mühseligen Drehtagen nachts auf, weil einem plötzlich durch den Kopf schießt, dass man eine bestimmte Szene ganz anders hätte spielen müssen. Oft denkt man erst Stunden nach dem Drehen, dass man etwas begriffen hat, aber dann ist es zu spät. Am Theater können Sie am nächsten Abend korrigieren, was Sie davor falsch gemacht haben. Im Kino geht das nicht. Es wäre zu teuer. Jeder Filmschauspieler muss wissen, dass er nichts als ein kleiner Teil der Arbeit ist, dass Licht, Ton oder Kamerabewegungen viel wichtiger als er sein können. Akteure sind aber extrem bedürftig: Sie brauchen stets jemanden, der sie beobachtet, sie ansieht und liebt. Deshalb können Schauspieler im Kino nie etwas für sich beanspruchen.“

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Tournйe“ im Kino in Berlin

Tournйe, Frankreich 2010; Regie: Mathieu Amalric; Darsteller: Mathieu Amalric (Joachim Zand), Miranda Colclasure (Mimi Le Meaux), Suzanne Ramsey (Kitten on the Keys); 115 Minuten; FSK 12

Kinostart: 8. September

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