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„Toy Story 3“ im Kino

In den „Toy-Story“-Filmen ging es schon immer um den Ernst des Lebens. Denn ihr zentrales Thema ist die Angst vor dem Verlust von Liebe und Zuneigung, mit allen Konsequenzen, die sich daran knüpfen. Dass es sich bei den Protagonisten der Geschichte um Spielzeugfiguren handelt, die ein Eigenleben führen, wenn gerade niemand hinschaut, tut dabei nichts zur Sache. Denn Spielzeuge sind ja lebendig – zumindest für ihre kleinen Besitzer, die zwischen Realität und Fantasie noch nicht die gleiche scharfe Trennlinie ziehen wie die Erwachsenen, und die das Drama deshalb nur umso besser verstehen.
Bereits im ersten Teil der computeranimierten Spielzeug-Saga des Pixar-Studios muss Cowboy Woody befürchten, nach einer Geburtstagsfeier seines Besitzers Andy aus der Rolle als Lieblingsspielzeug durch eine coolere Figur, den mit allerlei Gimmicks versehenen Space Ranger Captain Buzz Light­year, verdrängt zu werden. Als Folge drohen Identitätskrisen und rasende Eifersucht, die sich gar bis zum Mordanschlag auswächst – ehe gemeinsam überstandene Abenteuer die Solidarität der Spielzeuggemeinschaft wieder herstellen. Woodys anderen Freunden im Kinderzimmer geht es kaum anders: Die Furcht vor Mülltonnen und Flohmärkten ist bei ihnen immer präsent. In „Toy Story 2“ (1999) berichtet das Cowgirl Jessie von der schrecklichen Erfahrung mit ihrer ehemaligen Besitzerin, die eines Tages zu alt für ihre Spielzeuge wurde: Die tief getroffene Jessie landete in einer Spendenkiste.
Diese Episode des zweiten Teils führt direkt in das Herz des jüngsten Pixar-Meisterwerks „Toy Story 3“: Denn mit 17 Jahren ist Andy nun beinahe erwachsen, er wird aufs College gehen. Die große Western-Action-Sequenz um einen Zugüberfall, die den Film eröffnet, erweist sich somit lediglich als hochamüsante Rückblende in glücklichere Zeiten. Für Spielzeuge ist Andy nun definitiv zu alt, sie blicken deshalb einer ungewissen Zukunft entgegen. Auch für Andy ist die Trennung von den Begleitern seiner Kindheit ein emotionaler Moment, ein weiterer Schritt in das Leben als Erwachsener. Doch für die Spielzeuge geht es um Leben oder Tod: der Dachboden, die Müllkippe oder die Spendenkiste für den nahe gelegenen Kindergarten – wo werden sie landen? Als sie sich durch ein Versehen beinahe auf dem Müll wiederfinden, nehmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand und entscheiden sich für den Kindergarten.
Aber das vermeintliche Paradies, in dem Spielzeuge bekanntlich jeden Tag fast ununterbrochen von Kindern bespielt werden, erweist sich als Ort des Schreckens: Nicht allein, dass sie als Neuankömmlinge einer Krabbelgruppe zugewiesen werden, deren Mitglieder unsere Helden nicht gerade sachgerecht behandeln, der Kindergarten wird von dem furchterregenden rosafarbenen Kuschelbären Lotso auch noch wie ein Hochsicherheitsgefängnis geleitet. Dass auch Lotso ein vergessenes, ersetztes und zutiefst verbittertes Spielzeug ist, zeigt einmal mehr, dass man sich bei Pixar nicht mit einer eindimensionalen Zeichnung der Figuren zufriedengibt.
Zweifellos kommt „Toy Story 3“ deutlich erwachsener und düsterer daher als seine beiden Vorgänger. „Wir haben die drei Filme immer als eine Einheit betrachtet“, erzählt Darla K. Anderson, die freundliche Produzentin von „Toy Story 3“, im Gespräch. „Man kann ‚Toy Story 3‘ nicht von den beiden anderen Teilen getrennt sehen. Die Saat, die wir in den beiden ersten Filmen gesät haben, geht nun auf.“ Und Regisseur Lee Unkrich, ein sehr konzentriert wirkender Mann, der als Cutter und Co-Regisseur bereits an den beiden ersten Teilen von „Toy Story“ mitgewirkt hatte, ergänzt: „Ein positiver Aspekt der Tatsache, dass inzwischen so viele Jahre zwischen dem letzten und dem neuen ‚Toy-Story‘-Film liegen, besteht darin, dass jene Leute im Publikum, die damals Kinder waren, heute bereits junge Erwachsene sind. Mir haben Menschen geschrieben, die mir dankten, dass ich in gewisser Weise ein abschließendes Kapitel für ihre Kindheit gedreht habe. Und das ist ja auch das Thema des Films, mit Andy, der erwachsen wird und jetzt auszieht, um aufs College zu gehen. Da gibt es diese Symmetrie zwischen dem Film und dem Leben der Leute, die diesen Film sehen.“
In einem irren Tempo schickt „Toy Story 3“ seine Helden alsbald in die Konfrontation mit vielen neuen Figuren und durch eine Vielzahl von Stilen und Genres, bis hin zum Ausbruch-aus-dem-Gefängnis-Film а la „The Great Escape“. Am Ende scheint die Protagonisten sogar der sichere Tod in der Müllverbrennungsanlage zu erwarten: Woody, Buzz, Jessie und all die anderen blicken bereits tief in das allegorische Höllenfeuer.
Und auch wenn es in der bisherigen Beschreibung des Films nicht so wirken mag – das alles ist natürlich auch sehr lustig und unbedingt auch für Kinder geeignet: Wenn Buzz versehentlich in den „spanish mode“ geschaltet wird, anschließend Flamenco tanzt und Jessie als Latin Lover den Hof macht, oder wenn Barbie einen ziemlich hohlköpfigen Ken foltert, indem sie seine Klamotten Stück für Stück zerreißt, ist Gelächter garantiert. Schließlich arbeitet man bei Pixar hart daran, den Filmen einen universellen Appeal zu verleihen.

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