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Tragikomödie „Mensch Kotschie“ im Kino Berlin

Das Midlife-Crisis-Drama hat sich als dankbares filmisches Subgenre mit Neigung zum Tra­gi­komischen etabliert, von Fellinis „81/2“ bis zu Sam Mendes’ „American Beauty“. Doch Re­gis­­seur Norbert Baumgarten geht es in „Mensch Kotschie“ um anderes als um ein letztes Aufbäumen der Hormone.

Kurz vor seinem von der Gattin generalstabsmäßig geplanten Fünf­zigs­ten überfällt den melancholischen Schnauzträger Jürgen Kotschie der Möglichkeitssinn, der die Realität zu einer Variante unter vielen degradiert. Noch vor den Credits fragt der Ingenieur seinen Polier auf der Baustelle: „Hattest du das schon mal dieses Gefühl, wenn dein ganzes Leben an dir vorbeizieht?“

Der Film übersetzt diese Fremdheit im eigenen Leben in extreme Kadrierungen, darunter viele Aufsichten, die dem Geschehen die entrückte Putzigkeit einer Märklin-Welt verleihen. Ein treffendes Motiv sind die Lichtschranken, die plötzlich nicht mehr auf ihn reagieren, auf dem Raststättenklo kommt kein Wasser, beim Verlassen des Baumarkts rennt er gegen die automatische Tür. Als würde er plötzlich dematerialisiert, unsichtbar. „Mensch Kotschie“ – ohne schulterklopfendes Komma, das man zunächst mitliest – nimmt bei allem Humor die Krise ernst, mehr noch: Er behauptet ihre Notwendigkeit, damit aus dem beruflichen und privaten Funktionsträger wieder ein vollständiger Mensch wird.

Text: Stella Donata Haag
Foto: Junifilm/Andreas-Wünschirs

(tip-Bewertung: Sehenswert )

Mensch Kotschie im Kino in Berlin

Deutschland 2008; Regie: Norbert Baumgarten; Darsteller: Stefan Kurt (Jürgen Kotschie), Claudia Michelsen (Karin Kotschie), Ulrike Krumbiegel (Carmen Schöne); 96 Minuten;
Kinostart: 18. März

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