Kino & Stream

Traumberuf Filmemacher

Der Schmetterlingsjäger

Für „Umsonst“ hatte Geene ein Drehbuch geschrieben, das dann aber nicht verwendet wurde. Stattdessen entwickelten die Schauspieler ihre Szenen spontan. Auch dadurch gibt der Filmemacher Geene Macht ab, die sonst mit dieser Funktion verbunden ist. Ist ihm vielleicht sogar ausdrücklich an dieser Entzauberung des Künstlermythos gelegen? „In der bildenden Kunst bin ich da empfindlicher, weil das dort viel grandioser und auch alberner inszeniert wird. Bei der Filmregie bin ich großzügiger, da fällt es mir leichter, Leute zu mögen, aber letztendlich finde ich den Regiekult auch da falsch. Allerdings braucht die Auflösung ja auch ein Umfeld, das kann man nicht herbeitrotzen.“
Lange Zeit waren die Debatten um das Kino davon geprägt, dass Regisseuren das gleiche Prestige wie den Schriftstellern oder Malern zugeschrieben werden sollte. Inzwischen arbeiten Leute wie Stephan Geene schon wieder an einer Demokratisierung oder Vergemeinschaftung dieser Funktion. Leute wie Tatjana Turanskyj („Top Girl“) oder Philip Scheffler („Revision“), die ebenfalls aus kollektiven Arbeitszusammenhängen kommen, zeigen, wie man diesen Idealen auch dann noch treu bleiben kann, wenn man dazu übergeht, die Filme individuell zu signieren. Aber auch am anderen Ende des Spektrums gibt es kollektive Aspekte: Jemand wie Harald Bergmann, der mit filmischen Mitteln der Literatur von Hölderlin oder Rolf Dieter Brinkmann zu entsprechen versucht und von dem im Juli der Nabokov-Film „Der Schmetterlingsjäger“ herauskommen wird, kann auf die Hilfe von Freunden zurückgreifen, die für wenig oder gar kein Geld bei ihm mitspielen.
Dreharbeiten zu So gehen bildungsbürgerliche Passion, Liebhaberei, Leidenschaft für die Künste ineinander über, aber auch hier haben wir es mit einer Form von Low Budget zu tun. Mit dem Traumberuf Filmemacher verbindet sich neben der Vorstellung künstlerischer Selbstverwirklichung allerdings eben auch ein Glamour des Erfolgs und des großen Geldes. Dieser spielt aber bei den wenigsten eine Rolle, wie man vielleicht gegenteilig vermuten würde. Häufiger sind Karrieren wie die von Birgit Möller, die 2006 mit „Valerie“ die DFFB abschloss. Heute kann man diesen Berlin-Film, der einen ganz anderen Geist als „Umsonst“ atmet, auf dem VoD-Portal realeyz sehen. Und die Regisseurin ist guter Dinge, dass sie fast zehn Jahre später ihren zweiten Film machen kann: „Ich habe große Hoffnungen, dass nächstes Jahr gedreht wird. An dem Stoff habe ich aber lange gesessen, auch mit Rückschlägen.“ Wie hat sie sich in der Zwischenzeit durchgebracht? „Ich finanziere mich als Kamerafrau. Ich lebe nicht auf großem Fuß, aber die Freiheit nehme ich mir, die Zeit, an meinen Drehbüchern zu arbeiten. Ich bin nicht so kommerziell ausgerichtet, obwohl ich mir das manchmal wünschen würde.“
Edward Berger lebt seit 1997 in Berlin. Er macht gerade eine Werbung für eine große Outdoor-Bekleidungsfirma. Zugleich ist er einer, der besonders prononciert eine Vorstellung von Film mit sich herumträgt, für die er auch Risiken auf sich zu nehmen gewillt ist. Mit „Jack“ hat er es in diesem Jahr in den Wettbewerb der Berlinale geschafft. Das Budget war zehnmal so hoch wie etwa bei „Umsonst“, aber auch das ist immer noch gering und fällt eindeutig in die Kategorie „Independent“.

Foto oben: Harald Bergmann Filmproduktion / NFP marketing & distribution*

Foto unten: Nele Müller-Stoefen

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