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Traumberuf Filmemacher

Dreharbeiten zu

„Hier haben wir auch gedreht“, sagt Stephan Geene, als wir uns an der Ecke Ohlauer und Paul-Lincke-Ufer in ein Cafй setzen. Wir wollen über seinen Film „Umsonst“ sprechen, der im Sommer 2013 mehr oder weniger zwischen Görlitzer Park und Admiralbrücke entstanden ist. Ein Mädchen namens Aziza und ein Musiker namens Zach sind die Hauptfiguren, ihre Wege kreuzen sich, mehr aber auch schon wieder nicht. Das internationale Berlin, das man häufig mit Labels wie „Kreuzkölln“ verbindet, ist in „Umsonst“ ganz wunderbar eingefangen. Zugleich ist es ein staunender, auch skeptischer Blick, der sich auf diese Phänomene richtet.
Stephan Geene kennt man aus vielen Zusammenhängen, vor allem aus dem Kollektiv b_books, das unweit des Schlesischen Tors eine Buchhandlung betreibt und für eine kritische, politische Reflexion des Kunstbetriebs steht. Nun ist Geene fast ein wenig unversehens Filmemacher geworden. Sieht er das auch so? „Nö“, sagt er. „Jedenfalls nicht so, dass ich das jetzt zuungunsten anderer Sachen machen würde. Ich bin auch Publizist, und ich übersetze, beides ist mir wichtig. Andererseits haben wir schon früher, als wir Theater gemacht haben, viel mit Video gearbeitet. Damals habe ich angefangen, mich für das Filmemachen nicht nur als Zuschauer zu interessieren.“
Die Aussage ist bezeichnend. Berlin ist schon lange wieder eine boomende Filmstadt. Allerdings entstehen Filme hier nicht selten auf unkonventionelle Weise, und der Beruf des Filmemachers, von dem so viele träumen, kann alles Mögliche bedeuten. Die meisten, die es schaffen, durchlaufen eine herkömmliche Filmhochschule und erlernen das Handwerk dort, wie das bei Isabell Љuba der Fall ist, Regisseurin von „Männer zeigen Filme und Frauen ihre Brüste“, die an der HFF studiert hat. Oder bei Sylke Enders und Max Erlenwein, Absolventen der DFFB, beide in diesem Jahr mit neuen Filmen in den Kinos. Sie alle haben aber davor auch schon etwas anderes gemacht oder studiert, der gerade Weg zum Traumberuf Filmemacher ist eher die Ausnahme.
Männer zeigen ihre Filme und Frauen ihre BrüsteUnd dann gibt es eben noch die Autodidakten und Quereinsteiger, zu denen Stephan Geene zählt, oder Annekatrin Hendel, die bei der Berlinale einen Dokumentarfilm über den Schriftsteller und Stasi-Spitzel Sascha präsentieren konnte. „Seit ich denken kann“, sagt sie, „habe ich mich vom Leben auf Zelluloid verführen lassen. Aber es hat lange und einige andere Berufe gedauert, bis ich selbst Filme machen konnte. Es mir zuzutrauen, habe ich dann nicht lange gebraucht, auch ohne Ausbildung.“ Einen ähnlich gleitenden Übergang beschreibt Kordula Hildebrandt, die Kurse an der privaten Kaskeline Filmakademie belegt hat und die von sich sagt: „Ich habe mir das Know-how patchworkmäßig beibringen lassen. Als Abschlussfilm wollte ich eine Doku über Tango in Berlin machen. Alles wurde immer größer und professioneller, seit 2013 bin ich freie Filmemacherin.“ Im Herbst bringt sie ihren neuen Film „Spirit Berlin“ in die Kinos. Wenn man sie nach der Finanzierung fragt, kommt eine Antwort, die zuerst einmal ernüchternd klingt: „Alles aus meinem Portemonnaie.“
Das Geld ist der Knackpunkt in allen Karrieren. In Deutschland kommt es überwiegend von öffentlichen Institutionen, von der Filmförderung und von Fernsehanstalten. Und da kann es dann eben vorkommen, dass Originalität und eigenwillige Fantasie auf Beamtenmentalität treffen. Andererseits gibt es derartig viele Geldtöpfe, dass die Chancen gar nicht so schlecht stehen, doch irgendwo etwas zu bekommen.
Stephan Geene wurde schließlich beim Bundesministerium für Kultur und Medien fündig. 65?000 Euro gab es dort für „Umsonst“, eine geradezu lächerliche Summe im Vergleich zu halbwegs normalen Filmbudgets. Aber einen konventionellen Film hatte er ohnehin nie im Sinn. Dazu ist seine Arbeit viel zu sehr in das Feld eingebunden, aus dem sie kommt. „Ich bin 1989 nach Berlin gekommen. Nach der Wende kamen auch sehr viele Leute in die Stadt, aber anders, als es mir heute erscheint, hatten damals alle einen sehr produktiven Hang. Es ging um das Herstellen: von Gemeinschaften, von Politik, nicht nur von Gegenständen. Heute erscheint mir alles sehr viel momentaner, es geht nicht so stark um den Aufbau von etwas. Politik ist viel kleinteiliger und immanenter und unbegrifflicher.“

Foto unten: missingFilms

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