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„The Tree“ im Kino

the_treeKann ein Baum eifersüchtig sein? In diesem australischen Familiendrama, einer Verfilmung des Romans „Our Father Who Art in the Tree“ von Judy Pascoe, hat es zumindest den Anschein. Einst hielten Aborigines unter der Schatten spendenden, weit ausladenden Krone des mächtigen Moreton Bay Feigenbaumes in Queensland Versammlungen ab. Nun bewohnt ein Lastwagenfahrer mit seiner Frau und vier Kindern einen Bungalow direkt neben dem urigen Baum. Als der Vater durch einen plötzlichen Herzinfarkt aus dem Leben gerissen wird, weigert sich die kleine Tochter Simone, seinen Tod hinzunehmen. Sie behauptet steif und fest, dass ihr Dad im Baum weiterleben und zu ihr sprechen würde. Um ihm nahe zu sein, richtet sie sich ein Lager im verzweigten Astwerk ein und lauscht dem Rauschen der Blätter. Tatsächlich geht vom Baum eine eigenartige Aura aus, eine magische Anziehungskraft, der auch Simones kleiner Bruder erliegt. Das Wurzelwerk beginnt wie wild zu wuchern und bedroht Kanalisation und Fundamente des Hauses. Als Dawn nach langer Trauerzeit mit einem sympathischen Klempner anbändelt, bricht ein riesiger Ast aus der Baumkrone, durchschlägt das Dach des Hauses und landet auf dem alten Ehebett. Dawn legt sich zum Ast ins Bett und verbringt die Nacht mit ihm.

Geschickt versteht es die französische Filmemacherin Julie Bertuccelli, das reale Geschehen ausgewogen mit okkulten Andeutungen zu verknüpfen, die einigen Szenen eine gespenstische Atmosphäre verleihen. Ob es sich bei der angeblichen Reinkarnation des Mannes im Baum um ein übersinnliches Phänomen handelt, oder ob es bloß ein Hirngespinst der Tochter ist, als Folge eines Traumas durch den schockierenden Tod ihres über alles geliebten Vaters, bleibt letztendlich offen. Simone hasst den neuen Liebhaber der Mutter, das agressive Wurzelwachstum und der herabstürzende Ast kann als Projektion ihrer Gefühle zu ihm und der „untreuen“ Mutter gedeutet werden.

Erstaunlich souverän, lebhaft und glaubwürdig wird die Kleine von der siebenjährigen Morgana Davies dargestellt, die unter 200 Bewerberinnen ausgewählt wurde und hier ihr Schauspieldebüt gibt. Ebenfalls perfekt besetzt ist die Rolle der Mutter in diesem originellen und stimmungsvollen Film, der zudem mit naturschönen Landschaftsaufnahmen beeindruckt. Charlotte Gainsbourg bringt die Charakterzüge und Emotionen der Witwe nunanciert und mit natürlicher Anmut zum Ausdruck. Nach dem Tod des Mannes ist sie zunächst von Trauer gelähmt, sie erleidet einen Nervenzusammenbruch und zieht sich zurück in die innere Emigration. Nur langsam und schwer findet sie ins aktive Leben zurück. Unter dem Einfluß der Tochter sucht sie ebenfalls Trost zwischen den Ästen und Wurzeln des Baumes, dabei gerät auch sie mehr und mehr in seinen Bann.

Text: Ralph Umard

Foto: Baruch Rafic

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Tree“ im Kino in Berlin

The Tree Frankreich/Italien/Australien 2010; Regie: Julie Bertuccelli; Darsteller: Charlotte Gainsbourg (Dawn O’Neil), Marton Csokas (George), Morgana Davies (Simone O’Neil); 100 Minuten; FSK 6

Kinostart: 3. März

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