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„The Tree of Life“ im Kino

The Tree of Life

In „Days of Heaven“ (1978) transportierte er das Arsenal des New-Hollywood-Kinos, die bewegliche Kamera, den Direktton, die authentisch wirkenden Akteure aus dem urbanen Raum in die grenzenlose Weite der Weizenfelder von Alberta, Kanada, wo er eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit biblischen Bezügen entwickelte. Er filmte das mit Lust an der Improvisation, aber zugleich mit einem charakteristischen Perfektionismus, der alle Möglichkeiten des Kinos ausschöpfen wollte. Die Kamera, mit der Nйstor Almendros und Haskell Wexler zwischen den Akteuren herumliefen, um zwischendurch im Auftrag des Regisseurs dann doch lieber die Wolken oder die Rebhühner im Gras zu filmen, war ein hochauflösendes 70mm-Modell; die Spielszenen fotografierten sie im Gegenlicht der untergehenden Sonne, das von der Umgebung auf die Akteure zurückgeworfen wird, sie einhüllt, erst sichtbar macht im Widerschein der Arbeitsgegenstände, der anderen Figuren, der Getreidelandschaft um sie herum. Es ist der Versuch, das Ganze einer Welt zu erfassen, jedes Zeichen, jede Geste nicht isoliert dastehen zu lassen, sondern sie buchstäblich zu verräumlichen, in einen Zusammenhang mit allen anderen Bildern zu setzen. So wie Heideggers Phänomenologie in einer neuen, dafür erst erfundenen Sprache das Dasein aus dem Kontext der Arbeit, des alltäglichen Lebens, aus der historischen Welt um uns herum beschreiben wollte, so radikal öffnen sich auch Malicks Filme in ihrer musikalischen Bildermontage dem Grund, auf dem sie stehen.
The Tree of Life„Q“ hieß das danach begonnene Malick-Projekt, das gleich von der ganzen Schöpfung erzählen wollte. Eine Million Dollar Vorschuss bekam der Regisseur 1978 von Paramount, Kamera-Teams wurden zu den Gletschern der Antarktis, zum Lava speienden Ätna und zu australischen Korallenriffen geschickt, Sonnenfinsternisse wurden gefilmt, Bilder, die sich tatsächlich jetzt auch in „The Tree of Life“ wiederfinden – aber erst einmal verendete das Projekt, als hätte den Regisseur die Panik überfallen, einen so großen Film in der Hollywoodmaschinerie zu machen.
Malick wurde zum Phantom. Er tauchte ab, nahm ein Sabbat-Jahr und noch eines und noch eines. Er wurde zu einer geheimnisvollen Figur des Kulturbetriebs wie Pynchon und Salinger, war nicht verfügbar für Interviews, lebte dem Vernehmen nach zwischen Paris und Texas oder war auf diversen Weltreisen, manchmal ließ er sich für das Umschreiben von Drehbüchern bezahlen. Zwanzig Jahre dauerte es, bis Malick mit „The Thin Red Line“ (1999) wieder als Regisseur erschien und stilistisch anknüpfte, wo er aufgehört hatte – mit einer polyfonischen Erzählung über eine Schlacht zwischen amerikanischen Infanteriesoldaten und Japanern im Idyll der pazifischen Guadalcanal-Inseln, die in ihrem extrem assoziativen Stil an „Days of Heaven“ erinnerte. Nach der Mythisierung des indianischen Amerikas in Gestalt von Pocahontas, die er in „The New World“ (2006) zur Übergangsfigur auf dem Weg zur christlichen Einwanderernation machte, ist Malick nun wirklich beim Alpha und Omega allen Erzählens angekommen, in der Kindheit des Denkens und am Ende aller Zeiten.
Das schließt ein, dass man als Zuschauer auch mit der Penetranz des religiösen Raunens zurechtkommen muss, das Malick mit gewisser Größe von Anfang an über seinen Film breitet. Doch die Metaphysik von „The Tree of Life“, abwechselnd bierernst und verspielt inszeniert, ist nicht einfach die Illus­tration eines vorgelagerten heiligen Textes, auch wenn die Bibel und das Buch Hiob („Wo warst du, als ich den Grund der Erde legte?“)  erst einmal den hohen Ton vorgeben.
The Tree of LifeVorbereitet wird damit nur die Übersetzung in ein überraschend privates Format. Der Lohn dafür – abgesehen vom schieren Vergnügen, einem Regisseur zuzusehen, wie er in einem Familienfilm zwischendurch die Evolution vom ersten Protein in der Ursuppe bis zum Erscheinen der Wirbeltiere nacherzählt – ist eine zunehmend komplexe Saga, die das Allgemeine viel eher aus dem Einzelnen ableitet als umgekehrt. Diese Rückspiegelung ist das eigentliche Spektakel des Films, der in der Familiengeschichte selbst das giftige Erbe des Autoritarismus sichtbar macht, das Unglück der Geschlechterrollen und die unterschwellige, endemische Gewalt, die die Kriege Amerikas in die Familien hinein- und aus ihnen heraustragen.
Nie sind die Szenen eindeutig, immer mehr wird „The Tree of Life“ zum Vexierbild, in dem man der Abdankung Gottes zusehen kann, der in Gestalt des Vaters immer mehr von der Allmacht verliert, die ihm seine Kinder zugeschrieben hatten, bis sie, seine Schöpfung, sich von seiner zornigen Gegenwart abwenden: „It’s your house. You can kick me out any minute you want to. You want to kill me“, sagt der älteste Sohn zum Vater in dem Moment, der seinen Abschied aus dem Paradies der Kindheit markiert.
Wie Malick sich mit seiner eigenen Geschichte und seinem episkopalen Glauben versöhnt, mag nicht jedermann etwas angehen, aber den Versuch, das eigene Verhältnis zur Welt, zur Familie, zum Leben überhaupt so ausgreifend wie möglich zu beschreiben, kann man auch als Atheist oder Agnostiker wertschätzen, so offen ist er für die Projektionen, die man selbst darauf werfen will. „The Tree of Life“ ist am Ende der Film, den man sich selber macht.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „The Tree of Life“ im Kino in Berlin

The Tree of Life, USA 2011; Regie: Terrence Malick; Darsteller: Brad Pitt (Mr. O’Brien), Jessica Chastain (Mrs. O’Brien), Sean Penn (Jack); 138 Minuten; FSK 6

Kinostart: 16. Juni

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