Literaturverfilmung

„Tschick“ im Kino

Nichts ist wichtig: Fatih Akin hat sich an Wolfgang Herrndorfs Kultroman „Tschick“ ­gewagt – mit Erfolg

Foto: Studiocanal

Was ist denn das für eine Type? Dieser Satz kommt einem eher selten in den Sinn beim Anblick einer Titelfigur, zuletzt vielleicht bei „Napoleon Dynamite“. Aber wie dieser Kerl mit den asiatischen Gesichtszügen da im Klassenzimmer steht und eine Leck-mich-am-Arsch-Haltung verströmt, die über die Schulszenerie hinaus auf seine eigene Rolle zu strahlen scheint – das hat was. Schnell ist klar: Dieser Debütant Anand Batbileg mit seiner Beiläufigkeit ist die Idealbesetzung für Tschick. Er verkörpert eins zu eins einen, dem man so ziemlich alles zutraut, weil nichts wirklich wichtig zu sein scheint – oder alles.
Der 14-jährige Tschick freundet sich in einem Berliner Randbezirk mit dem gleichaltrigen Maik (Tristan Göbel) an. Der hat eine saufende Mutter und einen herumvögelnden Vater, also quasi genauso wenig Eltern zum Reden wie Tschick. Zwei Außenseiter, die zuhause nichts hält – also ab in die Walachei. Mit einem alten „geliehenen“ Lada machen sich Maik und Tschick auf in den ostdeutschen Sommer. Sie rasen durch Maisfelder und über die Autobahn, sie begegnen Hippiefamilien und Dorfpolizisten – und Isa, eine vielleicht noch verlorenere Seele. Sehr passend, dass man sich auf einer Müllhalde begegnet.

Zum ersten Mal hat Fatih Akin die Regie für einen Film übernommen, bei dem er nicht auch als Produzent und Autor agierte (abgesehen von „Solino“, 2002). Und dazu auch noch die Adaption eines Buches, das von ­vielen Lesern kultisch verehrt wird. Ein Wagnis, das nun erstaunlich leichtfüßig daherkommt und in seinem freiheitlichen Geist durchaus an Akin-Filme wie „Im Juli“ oder „Gegen die Wand“ erinnert.
Ein mal lustiger, mal nachdenklicher Sommerfilm, der in prallen Farben von zwei Jungs auf der Reise ins Erwachsenwerden erzählt. Der seine Figuren liebt und mit ihnen durch dick und dünn geht. Der aber auch über Sehnsüchte und Außenseitertum erzählt, über Individualität und Anarchie, über typisch Deutsches und die große weite Welt. Und bei dem sogar die unsägliche „Ballade pour Adeline“ von ­Richard Clayderman Spaß macht. Das muss man erst mal hinbekommen.

Tschick D 2016, 93 Min., R: Fatih Akin, D: Tristan Göbel, Anand Batbileg,  Mercedes Müller, Start: 15.9.

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