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„Tuesday After Christmas“ im Kino

Tuesday After Christmas

Der Film beginnt so unvermittelt, wie er endet. Ein Mann und eine Frau, nackt auf einem Bett, sie albern herum, scheinen vertraut miteinander. Es dauert nicht lange, bis offenbar wird, dass der Mann verheiratet und die Frau seine Geliebte ist. Das nächste Bild zeigt ihn beim Geschenkekauf mit der Ehefrau, ein Snowboard für die gemeinsame Tochter soll es sein, in Pink, ihrer Lieblingsfarbe. Es ist kurz vor Weihnachten, und zwischen diesen Polen eines effizient organisierten Familienlebens und der Möglichkeit einer Neuerfindung seiner selbst schwankt Paul, der Mann, hin und her. Aber er ist nicht der alleinige Protagonist, sondern nur einer der drei Punkte in einem Beziehungsdreieck, das er mit Adriana und Raluca bildet, und in dem die Zustände aller Figuren mit gleicher Aufmerksamkeit betrachtet und nachvollziehbar werden.
In wenigen Tagen, bis zum Weihnachtsabend, entfaltet sich das Protokoll der Auflösung einer Ehe, deren endgültiger und offizieller Abschluss sozusagen im Schwarz, im Off des Films, also am „Dienstag, nach Weihnachten“ liegen soll. Davor erzählt der Film eine alte Geschichte einmal mehr neu und reiht sich somit in die seit einigen Jahren so erfolgreiche neue Welle des rumänischen Kinos ein, das sich von Beginn an durch formale Rigorosität und das Interesse an alltäglichen Geschichten und Figuren ausgezeichnet hat, die in diesem Fall voll in der gesellschaftlichen Realität des Kapitalismus angekommen scheinen. Nicht mehr die Umstände bestimmen ihr Dasein, sondern sie selbst, was das Leiden nur universeller macht. Beinahe ausschließlich in Innenräumen nähern sie sich an und entfernen sich voneinander, während die Kamera sie in teils minutenlangen Plansequenzen betrachtet, nicht ohne die Aufmerksamkeit durch leichte Schwenks immer wieder zu verlagern.
Seine deklarierte Absicht, Zuschauer und Figuren in der selben zeitlichen Dauer zu verbinden, Spannungen fühlbar zu machen, gelingt Regisseur Radu Muntean vor allem auch Dank der großartigen Darsteller, denen das weite Cinemascope-Bildformat Raum für die Entfaltung subtiler Beziehungschoreographien lässt.

Text: Valerie Bäuerlein

Foto: Peripher Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Tuesday After Christmas“ im Kino in Berlin

Tuesday After Christmas (Marti, dupa craciun), Rumänien 2010; Regie: Radu Muntean; Darsteller: Mimi Branescu (Paul Hanganu), Mirela Oprisor (Adriana Hanganu), Maria Popistasu (Raluca); 99 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 6. Oktober

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