Kino & Stream

Türkische Filmwoche 2012

Schon mal was von „Yaprak Dökümü“ oder „Binbir Gece“ gehört? In Bulgarien, Rumänien und Griechenland sind diese türkischen Soaps der Renner. Die Geschichten aus dem Alltag wohlhabender Familienclans lassen das TV-Publikum an Schwarzmeerküste und Mittelmeer alle kulturellen Ressentiments und religiösen Vorbehalte vergessen. Gelacht und geheult wird grenzüberschreitend. Aber nicht nur kommerziell ist die Filmproduktion der Türkei äußerst erfolgreich. Regisseure wie Nuri Bilge Ceylan („Once Upon a Time in Anatolia“, Jury-Preis Cannes 2011), Semih Kaplanoglu („Bal – Honig“, Goldener Bär 2010), Zeki Demirkubuz („Kiskanmak – Envy“, 2009), Yesim Ustaoglu („Pandora’s Box“, 2008) oder Dervis Zaim („Shadows and Faces“, 2010) sind in den letzten Jahren bei internationalen Festivals mit Hauptpreisen ausgezeichnet worden. Jenseits der Berlinale bekommt man von diesen Filmen selten etwas mit. Regelmäßige Ausnahme ist die Türkische Filmwoche, die jetzt zum zehnten Mal stattfindet. Themenschwerpunkt in diesem Jahr ist Istanbul, dessen Wachstum in Zeiten der Globalisierung die Dokumentarfilme „Ecumenopolis“ und „Overdrive: Istanbul in the New Millennium“ beschreiben. Ob Kurdenkonflikt („Presse“), Homophobie („Zenne-Dancer“) oder der Militärputsch von 1980 („Nie wieder“) – es ist ein weiter und hochaktueller thematischer Bogen, den das Programm des zehnjährigen Jubiläums schlägt.

Mit Ömer Lütfi Akads „Gelin – Die Braut“, 1973, erinnern die Veranstalter an einen der Begründer des Neuen Türkischen Kinos. Der Film ist der Auftakt einer Trilogie, die Akad mit „Dügün – Die Hochzeit“ und „Adak – Das Opfer“ fortsetzte. In ihr zeichnete er das Bild einer Türkei, die zwischen feudaler Ausbeutung auf dem Land und auswegloser Armut in den Städten zerrissen ist. Hoffnung bietet allein die Emigration ins Ausland. Heute ist Akads Migranten-Trilogie eines der eindrucksvollsten Dokumente über Herkunft und Leben der ersten Migranten-Generation aus der Türkei. Die lebt in Berlin mehrheitlich immer noch in Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg. Warum finden die 10. Türkischen Filmwochen also bloß am Prenzlauer Berg statt? „Wir wollen die vierte Wand einreißen“, lacht Selcuk Sazak. Dem Leiter der Filmwoche ist wichtig, dass türkische Kultur auch jenseits aller imaginären Grenzen und Schranken stattfindet – gelacht und geheult wird grenzüberschreitend, auch in Berlin.             

Text: Nico Schröder


10. Türkische Filmwoche
Do 19.4. bis So 29.4.
im UCI Kinowelt Colosseum, Prenzlauer Berg,
und im Türkischen Haus, An der Urania 15, Schöneberg

www.tuerkischefilmwoche-berlin.de

Mehr über Cookies erfahren