Kino & Stream

„Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte“ im Kino

Tyrannosaur

Der Witwer Joseph ist einer, dem man nicht im falschen Moment begegnen sollte. Ein emotionales Fossil, an dessen Affektmanagement der Prozess der Zivilisation spurlos vorübergegangen ist und dessen Konfliktlösungsstrategien sich ohne gröbere Verallgemeinerung so zusammenfassen lassen: Der andere kriegt eins auf Maul. Er lebt in einer heruntergekommenen Gegend von Leeds, in der Erwerbsarbeit nur noch als entferntes Gerücht vorkommt und das Leben sich zwischen engen Wohnungen, ungepflegten Vorgärten und dem schäbigen Pub abspielt. Als Joseph nach einem weiteren Gewaltausbruch vor drei Jugendlichen in einen christlichen Wohltätigkeitsladen flüchtet und dort die warmherzige, geduldige Hannah kennenlernt, scheint die leidlich bekannte Rettungsgeschichte aufs Gleis gesetzt. Doch der britische Schauspieler Paddy Considine schaut in seinem Langfilmdebüt in die andere Richtung, konzipiert den Film als Blickumkehrung in die Mitte der Gesellschaft. Denn Hannahs bürgerliche Vorstadtehe ist die schlimmere Hölle, ihr Vorzeigegatte mit dem schicken Auto der eigentliche Tyrannosaurus, der sie aus Frust und mangelndem Selbstwertgefühl demütigt, vergewaltigt und misshandelt. Das gutbürgerliche Wohnviertel und das White-Trash-Ghetto sind Ober- und Unterwelt, durch eine flache Treppe verbunden und in gleichermaßen düstere Bilder gefasst. Considine entwirft eine in ihrer Tristesse bildmächtige Topografie, die erst zum Ende freie, gerade Wege erlaubt: im Gefängnis und auf dem Friedhof.
Die Geschichte fasziniert aber vor allem durch die großartigen Darsteller. Olivia Colman als Hannah macht bei aller Zurückhaltung die innere Nacktheit des Opfers sichtbar, und Peter Mullan gelingt es, die scheinbar so eindimensionale Figur des Trinkers und Raufbolds mit sozialem und psychischem Reichtum auszustatten. Als er in Hannahs Laden für die Beerdigung seines besten Freundes einen dunklen Einreiher anprobiert, zitiert der proletarische Körper den etablierten Glamour des traditionellen Herrenanzugs, die Haltung ist tadellos. Joseph erkennt das Fremde in sich an und beugt nach einer Schrecksekunde den Kopf, um sich von Hannah die Krawatte binden zu lassen. Eine vorgezogene Geste der Vertrautheit, denn für die Liebesgeschichte, die der deutsche Verleih dem Titel angedichtet hat, ist es da noch viel zu früh.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Jack English / Kino Kontrovers

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte“ im Kino in Berlin

Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte (Tyrannosaur), Großbritannien 2011; Regie: Paddy Considine; Darsteller: Peter Mullan (Joseph), Olivia Colman (Hannah), Eddie Marsan (James); 92 Minuten; FSK 16

Kinostart: 13. Oktober  

Mehr über Cookies erfahren