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Udo Kier im Interview

Arteholic

Aufsehen erregte Udo Kier zuerst Mitte der 1970er-Jahre, als er in „Andy Warhol’s Dracula“ und „Andy Warhol’s Frankenstein“ die Titelrollen verkörperte. Später arbeitete er wiederholt mit Fassbinder, Schlingensief, Gus Van Sant und Lars von Trier zusammen. Am 14. Oktober feierte der Weltstar aus Köln seinen 70. Geburtstag. In seinem jüngsten Film, der Dokumentation „Arteholic“, unternimmt Kier eine sehr persönliche Reise durch europäische Museen.

tip ??Herr Kier, von einigen Filmschaffenden wie Dennis Hopper, Billy Wilder oder Vincent Price weiß man, dass Sie leidenschaftlicher Kunstkenner und -sammler waren…
Udo Kier
?Ich bin kein Sammler, dafür habe ich gar nicht das Geld. Aber wenn ich so auf meine Wand schaue, kann sich das doch sehen lassen, weil ich schon als junger Mann in Paris für 100 Mark Grafiken von Man Ray, Magritte und Giacometti gekauft habe. Kunst ist für mich kein Investment. Ich muss das gut finden, und dann ist es egal, ob das auch Freunde von mir gut finden.

tip Die meisten Ihrer Gesprächspartner in „Arteholic“ werden als Künstler und Freund bezeichnet.
Udo Kier Ich kaufe keine Werke von Leuten, die ich nicht kenne. Ich mache einen Film mit Raymond Pettibon, und dann schenkt er mir eine Arbeit. Ich habe einen Film gemacht mit Robert Longo, der hat mir zwei Arbeiten geschenkt. Andy Warhol schreibt: „For Udo with Love.“ Ich würde nicht sagen, das sind alles Freunde, denn für mich ist das Wort Freundschaft etwas ganz Besonderes. In Amerika ist ja jeder ein Freund, a friend of a friend. Ich bin in Köln groß geworden und hatte das Glück, dass ich da Künstler wie Rosemarie Trockel und Marcel Odenbach kennenlernte – das sind Freunde.

tip Die Idee für „Arteholic“ stammt von Ihnen?
Udo Kier Nein, das war die Idee von Hermann Vaske. Ich hatte gerade mit Guy Maddin in Paris im Centre Pompidou eine Reihe von Kurzfilmen gedreht, deshalb haben wir da angefangen, da habe ich dann über Warhol geredet, weil dort die blaue Elizabeth Taylor hängt. Ich erzähle Privatgeschichten, damit es nicht eine trockene Kunsterzählung wird.

tip Im Film berichten Sie sehr plastisch von Ihrer Kindheit. Hat schon mal ein Verlag mit einem Vorschuss für Ihre Memoiren gelockt?
Udo Kier Verschiedene, mehrfach. Aber ich schiebe das immer weiter hinaus, denn ich möchte die Wahrheit sagen, nicht so wie Marlene Dietrich oder Sophia Loren, also keine Lügen. „No lies“ wäre eigentlich ein schöner Titel. Ich sage zu 97 Prozent die Wahrheit. Ich könnte ja erzählen, dass ich als 21-jähriger junger Mann in London in einem Lokal saß und der Kellner kam und sagte: „Herr Visconti möchte Sie einladen zu einem Glas Champagner.“ Ich wusste gar nicht, wer das war, ich wollte ja auch nicht zum Film. Also antwortete ich: „Sagen Sie ihm doch mal, er soll selber kommen!“ Dann kam Visconti und sagte: „I would like to invite you to join my friend Rudolf Nurejew and me.“ Dann bin ich mit an seinen Tisch, wo auch Helmut Berger saß.
Wenn ich zurückblicke, würde ich sagen, ich bin ein zufriedener Mensch, ich bereue überhaupt nicht, dass ich nicht ehrgeizig bin und in Hollywood keine großen Filme gedreht habe – wahrscheinlich wäre ich dann drogenabhängig geworden.

tip Zuletzt hatten Sie einen kurzen, aber prägnanten Auftritt als Kellner in „Nymphomaniac, Teil 2“.
Udo Kier Lars von Trier hat mir das Drehbuch geschickt, und ich wusste, dass ich für die Hauptrolle nicht infrage kam, denn ich bin ein realistischer Mensch. Den Kellner fand ich interessant, denn bei dieser Szene weiß das Publikum ja mehr, nämlich wo die Löffel sind – während ich erstaunt sage: „What, no spoon?!“ Aber das ist nicht meine Leistung, sondern die von Lars von Trier. Natürlich drehe ich auch Filme des Geldes wegen. Aber wenn ich vor der Kamera stehe, mache ich das nicht für das Geld. Ich versuche, auch dann gut zu sein und mich vorzubereiten. Rollen, die ich nicht annehme, sind solche, wo junge Regisseure sagen: „Nur Sie können das spielen!“ Dann weiß ich: Das kann jeder spielen, die wollen meinen Namen haben, damit sie Geld auftreiben können für den Film – das mache ich dann nicht.

Interview: Frank Arnold

Foto: Camino Filmverleih

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