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Udo Kier in „Iron Sky – Wir kommen in Frieden“

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Es sind diese glasigen, kristallblauen Augen, die einen sofort in ihren Bann ziehen. Udo Kier, der deutsche Superstar des internationalen Underground, sitzt im Salon Wannsee im Berliner Ritz Carlton und macht Werbung für die Nazi-Klamotte „Iron Sky“. Der einzigartige, 1944 in Köln-Mühlheim geborene Akteur hat nie eine Schauspielschule besucht und trotzdem in bestimmt 300 Filmen und mit allen, wirklich allen großen Hollywood-Stars vor der Kamera gestanden. „Iron Sky“ hat er selbst zum ersten Mal auf der Berlinale gesehen. „Ich schaue mir meine Filme grundsätzlich nicht vorher an. Ich sehe nicht mal Muster während der Dreharbeiten. Denn ich gucke sowieso nur auf mich selbst. Und was ich da sehe, gefällt mir nie. Das verunsichert mich nur.“
Vor gut 20 Jahren spielte er in Gus Van Sants „My Own Private Idahoe“ den perversen Deutschen Hans, der mit den Strichern River Phoenix und Keanu Reeves ins Bett geht. Das war seine erste improvisierte Rolle in Hollywood. Eine Freundin hat ihn damals überredet zu bleiben. Seitdem lebt er mit zwei Hunden in einer kleinen Villa in Los Angeles. „Ich hatte nie den Traum, einen Swimming Pool zu besitzen, mit Joan Collins Tee zu trinken oder einen Trainer wie Schwarzenegger zu haben.“ Kier ist schließlich mit dem bodenständigen deutschen Autorenfilm groß geworden. Er hat in mehreren Fassbinder- und Schlingensief-Filmen gespielt und ist Stammschauspieler bei Lars von Trier. Überhaupt ist Udo Kier überall.
Udo Kier in Im letzten Jahr habe ich Herrn Kier sogar auf dem „Weekend of Horrors“ in Bottrop getroffen. Wir saßen in einer Mehrzweckhalle nebeneinander und haben Autogramme für Horrorfans geschrieben. Herr Kier, eine echte Diva im positiven Sinne, hat sich darüber empört, dass seine internationalen Kollegen an den Nebentischen unverschämte 20 Euro für ein Autogramm verlangen, und signierte fleißig umsonst. „Ich bin doch keine Prostituierte.“ Genrefans lieben Udo Kier aber nicht nur, weil seine Autogramme umsonst sind. Anfang der 70er-Jahre hat er mit seinen exzessiven Hauptrollen in „Andy Warhol’s Dracula“ und „Andy Warhol’s Frankenstein“ die Schmuddelfilmfans und das Arthouse-Publikum gleichermaßen in aller Welt schockiert. „To know death, you have to fuck life in the gallbladder“, improvisierte er als Baron Frankenstein und stieg auf die reanimierte Leiche einer aufgeschnittenen schönen Frau, um Taten folgen zu lassen. Ganz großes Exploitationkino, auch damals schon mit vielen raushängenden Gedärmen in 3D.
„Ich habe noch nie in meinem Leben einen Regisseur um eine Rolle gebeten. Das funktioniert nicht. Regisseure wollen das Gefühl haben, dich entdeckt zu haben.“ Für ihr Video „Deeper and Deeper“ und ihr Coffetablebook „Sex“ entdeckte Madonna den adretten Udo und fummelte mächtig an ihm herum. Kier beteuert, er kenne die Popdiva eigentlich überhaupt nicht und hätte in dem Video nur mitgespielt, um Millionen von Männern eifersüchtig zu machen.
Auch Nazi-Rollen wie der Mondführer Wolfgang Kortzfleisch in „Iron Sky“ scheinen Kier auf den Leib geschrieben zu sein. „Was heißt hier Nazi-Rollen? Ich habe schon mehrmals den Führer höchstpersönlich dargestellt. In ‚100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker‘ von Christoph Schlingensief zum Beispiel. Ich musste mich für diese Rollen aber niemals ernsthaft mit der Person Adolf Hitler auseinandersetzen. Das waren alles Komödien, in denen ich das Klischee bedienen konnte. In ‚Iron Sky‘ wollte ich nicht dauernd den rechten Arm heben und bellen. Also habe ich mir als Vorbereitung auf die Rolle des Kortzfleisch überlegt, dass der deutsche Raketeningenieur Wernher von Braun meine Mutter sehr gern hatte und sie deshalb am Ende des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit anderen Nazis zum Mond geschossen hat. Sie war hochschwanger und hat mich dann auf dem Mond geboren. Natürlich wollten alle Nazis mit meiner schönen Mutter ins Bett und haben mich, das Baby, immer mit Schokolade verwöhnt. Alle liebten mich, und deshalb wurde ich später auch zum Führer. Diese kleine Geschichte habe ich mir zurechtgelegt. Wolfgang Kortzfleisch lebt ganz allein mit seinen Anhängern auf dem Mond, hat keine Feinde und trägt keinerlei Verantwortung. Er spielt die Rolle des Führers nur. Wie ein Kind.“
Udo Kier in Cannes 2011Wie so oft, ist Kiers Rolle auch in „Iron Sky“ viel zu klein und er stirbt zu früh. Meist sind es kleine Independent-Produktionen wie diese, die sich einen Weltstar wie Kier nur für wenige Tage leisten können und trotzdem mit seinem guten Namen wuchern. Doch Kier zeigt sich solidarisch: „Budgets interessieren mich nicht. Darüber möchte ich auch nicht reden. Ich habe meine Gage bekommen. Das kann ich Ihnen versichern. An die Anzahl der Drehtage kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe irgendwo in Australien in einem großen Studio gestanden und auf ein weißes Kreuz oben an einer grünen Wand geschaut. Das sei ein Raumschiff, hat man mir versichert. Meinen Abgang als Kortzfleisch auf dem Dach des New Yorker Wolkenkratzers finde ich ganz wunderbar. Und was Sie noch nicht wissen: Ich trete ja wieder an für die Fortsetzung. Ich bin gar nicht tot. Ich habe heimlich eine Spritze in der Tasche, die ich mir selber setze, und dann fliege ich neugeboren wie Superman vom Dach direkt ins Weiße Haus. Aber hallo!“
Ich blicke fragend auf einen der ebenfalls im Salon sitzenden Produzenten von „Iron Sky“. Doch der zuckt nur unwissend mit den Schultern und schüttelt den Kopf.
Also, falls das mit „Iron Sky 2“ nichts wird, und da Udo Kier ja selbst nie fragen würde, möchte ich hier und jetzt die Produzenten des nächsten James-Bond-Films auffordern, Herrn Kier als Bond-Bösewicht zu besetzen. Den hat er nämlich aus unerfindlichen Gründen noch nicht gespielt.

Text: Jörg Buttgereit

Fotos oben und mittig: Polyband Medien

Foto unten: Oliver Strecker / Creative Commons

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Iron Sky“ im Kino in Berlin

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