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Über Jennifer Aniston und ihren neuen Film „Cake“

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Ein bisschen eingeschnappt klang sie doch am Morgen nach den Oscar-Nominierungen. Da erklärte sich Jennifer Aniston kurzerhand zur „Übergangenen Nr. 1“, nachdem es leider nicht gefunkt hatte zwischen der Academy und ihrer Darstellung einer chronischen Schmerzpatientin in „Cake“. Doch als die erste Enttäuschung verdaut ist, weiß auch Aniston, dass ihr die besten Kritiken der Karriere nicht zu nehmen sind – und der zugehörige 7-Millionen-Film vielleicht zu klein war für die Höhen ihrer Performance. Doch auch so ist die Zäsur einer Schauspielerin gelungen, die vor der „Cake“-Premiere in Toronto von ungefähr null Experten für eine seriöse Schauspielerin im dramatischen Fach gehalten wurde. Nach 25 Jahren im Geschäft, in denen sie von Beginn an auf diese Chance gewartet hat.
Los Angeles, 1997. Die sympathische Yuppie-Sitcom „Friends“ wächst gerade zu einem Welterfolg und wird jedem Mitglied des Ensembles bis zu einer Million Dollar pro Episode bringen. Von Anfang an ist Aniston in den USA der Mediendarling des TV-Sextetts, dessen Frisur es auf die Ebene nationalen Interesses schafft. Sie nutzt die Popularität besser als die Kollegen, um im Kino ein Standbein zu finden, in dem sie etablierten Stärken treu bleibt. Großes Herz, spitzes Mundwerk, kumpelhafter Charme zwischen Bullock und Diaz – die Charakteristika ihrer „Friends“-Figur findet man leicht variiert auch in Anistons romantischen Komödien, mit denen sie einen nimmersatten Markt seither geflutet hat.
Cake„Humor ist durch die Jahre bei ‚Friends‘ zu einer Spezialität von mir geworden, weil das Timing täglich trainiert wird“, erzählt sie beim Interview-Termin zu „Cake“. „Doch inzwischen suche ich in Kinorollen nach Abwechslung. Ich weiß, dass der Schritt schwer ist, wenn man so sehr mit einer Rolle identifiziert wird, aber natürlich reizt mich jedes andere Genre.“
Das Problem ist nur, dass sie mit dieser Neugier lange allein blieb, geplagt von Phasen tiefsten Zweifels, weil nie ein namhafter Regisseur ihre Nummer wählte. Man muss jetzt kein Mitleid mit einer Schauspielerin haben, deren Hits eine Milliarde Dollar einspielten. Aniston könnte sich ein Theater kaufen und das ganze Jahr selbst besetzen, wenn es ihr neben hehrer Kunst nicht auch um öffentliche Anerkennung ginge. Und angesichts der Radikalität, mit der sie in „Cake“ den Blick auf ihre Leidensfähigkeit zwingt, wird einem klar, wie einschnürend so ein hübsches Starkorsett auf die Dauer sein kann. Zwar zählt sie zu den wenigen Frauen in Hollywood, die übermorgen bei jedem Studio eine Hauptrolle bekommen, sofern das Comedy-Konzept stimmt. Andererseits klang es irgendwann reichlich albern, wenn Aniston in jedem Interview seit den Neunzigern von Rollensehnsucht schwärmte, während sie reihenweise alte Hit-Rezepte aufkochte.
„Ich weiß nicht, warum ich nicht früher ins Risiko gegangen bin“, sagt sie heute und spricht von „Cake“ als „Zufallsfund, bei dem ich mich gewundert habe, dass renommierte Kolleginnen nicht längst zuschlugen.“
CakeTatsächlich klingt „Cake“ auf dem Papier wie ein Oscar-Köder aus der „Monster“-Schule, weil hier ähnlich wie einst Charlize Theron eine Schauspielerin alle Schutzhüllen ablegen kann – und der nie gesehene Mensch zum Vorschein kommt. „Es klingt zu leicht“, findet Aniston, „wenn es heißt, dass man nur Mut zur Hässlichkeit zu haben braucht oder mal das Make-up weglässt, um mit einer physischen Verwandlung zu beeindrucken. Denn das nützt dir alles gar nichts, wenn du keinen Weg in den Kopf der Figur findest. Schlecht aussehen ist leicht, das schaffe ich jeden Morgen. Aber nachzuempfinden, wie sehr diese Frau zermürbt wird vom chronischem Schmerz und sich isoliert zu ihrem Schutz – da denkt man vor Erschöpfung keine Sekunde ans Image.“
Aniston war bei „Cake“ auch Produzentin und ist mit 45 spät dran damit, mehr Kontrolle über Projekte zu übernehmen in einer Industrie, die Eigenverantwortung belohnt. „Meine Antwort ist, dass ich immer zu hart gearbeitet habe, um über eine eigene Firma oder Filme nachzudenken. Wahrscheinlich ist es das Beste in Zukunft: Stoffe selbst entwickeln, denn das Warten kann einen verrückt machen. Doch auch dafür braucht es Selbstvertrauen, das ich mir erst holen musste. ‚Cake‘ war zu gut, um abzulehnen, doch ich ging mit gewaltigen Ängsten zum Set. Auch Versagensangst, natürlich. Dabei hätte es mir nichts ausgemacht, als Schauspielerin zu scheitern – erdrückend war das Verantwortungsgefühl für die Figur.“
Aniston hat ihr nächstes Projekt noch nicht unterschrieben, doch man kann darauf wetten, dass sie mit Optionen jongliert, die nichts mit Nostalgie für Rachel aus „Friends“ (oder Rose aus „Wir sind die Millers“) zu tun haben. Ob das die Lust der Friseurpresse mindert, Anistons Privatleben als Seifenoper zu erzählen, ist dabei so fraglich wie ihr eigener Anteil am medialen Dauerfeuer, das es lange schwer machte, sie nicht als Kunstfigur wahrzunehmen. Doch „Cake“ ist nichts weniger als eine mögliche Neugeburt. Nicht die verpasste Oscar-Nominierung ist wichtig. Sondern die Gewissheit, dass jedem Casting-Direktor der Stadt die Kinnlade heruntergeklappt sein muss, nachdem nun klar und deutlich zu sehen ist, welches Potenzial all die Jahre in Jennifer Aniston schlummerte.

Text: Roland Huschke

Foto oben: Karen Ballard / Warner Bros. Entertainment Inc.

Foto mittig und unten: Warner Bros. Entertainment Inc.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Cake“ im Kino in Berlin

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