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Ulrich Köhler im Gespräch

Die Schlafkrankheit

tip Herr Köhler, Ihre Eltern waren Entwicklungshelfer, Sie haben als Kind mit ihnen in Zaire gelebt. „Schlafkrankheit“ ist von autobiografischen Erfahrungen inspiriert, erzählt aber gerade nicht die Geschichte eines Rückkehrers. Wie kam es, dass Sie die Perspektive des Expats, der sich nicht von Afrika lösen kann, bevorzugt haben?
Ulrich Köhler Der erste Drehbuchentwurf enthielt Szenen, die in Deutschland spielten. Ebbo, die Hauptfigur, findet sich nicht zurecht und kehrt allein zurück. Aber letztendlich waren das reine Erklärszenen, die zeigten, warum er in Europa nicht glücklich wird. Das fand ich am Ende nicht interessant, also entschied ich mich für die Ellipse, ein paar Sekunden Schwarzbild, ich wollte die drei Jahre der Fantasie des Zuschauers überlassen. So kam die Konzentration auf das Leben der Expats in Afrika zustande, doch meine Grundfrage ist autobiografisch geblieben: Ich habe mich gefragt, warum meine Eltern wieder nach Afrika zurückwollten, nachdem sie meinen Bruder und mich durchs deutsche Schulsystem gelotst hatten. Wie lebt man mit der Ungleichheit, den Erwartungen und der Macht, das Leben jedes einzelnen dort durch einen Job, einen Studienplatz oder ein Visum verändern zu können?

tip Ebbo geht die Aufgabe verloren. In Ihrem Film fällt der Satz, die Epidemie sei unter Kontrolle. Kann man dieses Statement als Metapher auf die allgemeine Situation sehen? Hat sich die Aufgabe der Entwicklungshilfe erschöpft?
Ulrich Köhler Seit der Unabhängigkeit sind Generationen von Afrikaner zu Ärzten, Ingenieuren und Lehrern ausgebildet worden und können Experten aus den ehemaligen Kolonien ersetzen. Es ist sicher zu einfach zu sagen, dass europäische Experten in Afrika nichts verloren haben, aber sie geraten leicht in eine schizophrene Situation: Sie haben als Individuen das Gefühl Sinnvolles zu leisten, und zweifeln gleichzeitig am System Entwicklungshilfe im Allgemeinen. Ein deutscher Arzt in Kamerun rettet vielleicht Leben, aber er muss sich fragen, ob seine Anwesenheit nicht gleichzeitig den Aufbau eines autarken Gesundheitssystems verhindert.

Ulrich Köhlertip Sie zeigen eine Konferenz, auf der ein Afrikaner für die Abschaffung plädiert, weil nur der freie Markt die Strukturprobleme beseitigen könne. Meinen Sie das ernst?
Ulrich Köhler Ich habe als Filmemacher den Luxus, Fragen stellen zu dürfen, ohne Lösungen liefern zu müssen. Bei meinen Recherchen bin ich auf neoliberale Afrikaner gestoßen, die solche Thesen vertreten. Wir kommen gerade aus einer der größten Finanzkrisen der Geschichte, ich glaube nicht an den Markt als Allheilmittel. Aber ich glaube auch nicht, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Höhe von Transferleistungen und der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Länder Afrikas gibt. Oft ist die Bilanz sogar negativ.

tip Der aus Europa anreisende Gutachter Alex, der Ebbos Projekt evaluieren soll, fühlt sich in Kamerun fremder als Ebbo, obwohl er kongolesische Wurzeln hat.
Ulrich Köhler Nach dieser Figur habe ich lange gesucht. Unsere Hauptfigur, Ebbo, verliert sich, und ich wollte eine starke Gegenfigur, die uns zu ihm zurückführt. Die Idee, einen afrikanischstämmigen Europäer zu besetzen, ist mir durch Tayeb Salihs Roman „Season of Migration to the North“ gekommen, der so etwas wie eine afrikanische Antwort auf Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist. Er handelt von einem Sudanesen, der in der Kolonialzeit als begabter Schüler nach England geschickt wird. Als er Jahrzehnte später in sein Dorf zurückkehrt, findet er sich in der Welt seiner Kindheit nicht mehr zurecht.

tip Alex braucht seine europäischen Zigaretten, er ist ein eleganter Stadtmensch, der sich im Dschungel fürchtet. Das Hybride dieser Figur ist auch komisch.
Ulrich Köhler Jean-Christophe Folly, der den Gutachter spielt, kennt diese Fremdheit aus eigener Erfahrung. Sein Vater ist Togolese. Wenn er ihn dort besucht, wird er mit denselben Erwartungen konfrontiert wie jeder andere Europäer auch. In Kamerun heißen schwarze Europäer: die schwarzen Weißen.

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 14/11 auf den Seiten 40-42.

Interview: Claudia Lenssen

Foto oben: Szenenbild (c) Farbfilm Verleih

Foto Ulrich Köhler: David von Becker

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Schlafkrankheit“ im Kino in Berlin

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