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„Un homme qui crie – Ein Mann, der schreit“ im Kino

Es gibt im Tschad kein reguläres Kino mehr, in dem Mahamat-Saleh Haroun seine Filme zeigen könnte. Wenn seine Arbeiten laufen, dann auf DVD oder VHS-Kassetten, manchmal sind sie auch im Centre Culturel Française de N’Djamйna zu sehen. Harouns Filme entstehen meist im Tschad, finanziert sind sie mit europäischem Geld, die Filmtechniker bringt er in der Regel aus Europa mit. In seinem ersten Langfilm „Bye-Bye Africa“ hat Haroun (mit sich selbst in der Hauptrolle als Filmregisseur) die desaströse Entwicklung seiner Heimat bilanziert und dabei auch die verfallenen Lieblingskinos seiner Kindheit noch einmal aufgesucht. Das Kino ist hier seitdem noch unsichtbarer geworden, beinahe so wie das Subsahara-Afrika überhaupt als Region auf der Landkarte der Weltkinematografie, zusammengeschrumpft auf einige wenige Punkte in der Aufmerksamkeit. Harouns Arbeiten sind immer wieder mit der Verantwortung beschwert, diesen Ausschnitt der afrikanischen Welt fast alleine repräsentieren zu müssen. Seine Filme laufen prominent platziert auf den großen internationalen Festivals (für „Un homme qui crie“ bekam er im Mai 2010 den Jury-Preis in Cannes verliehen), aber zugleich zeugen sie doppelt vom afrikanischen Drama, immer wieder neu anfangen zu müssen. Das Thema der Weitergabe von Tradition, Ökonomie, familiärer und öffentlicher Geschichte, der „filiation“, ist auch in den Geschichten seiner Filme zentral. Aber sie können davon nur als Scheitern, als Riss und Bruch, als wiederholtem Neubeginn am Nullpunkt erzählen.
Der Tschad ist seit seiner nominellen Unabhängigkeit von den französischen Kolonialherren gefangen in einer Schleife militärischer Interventionen, Putschversuchen und Bürgerkriegen. Die Konsequenzen überrollen die Menschen in Harouns Filmen wie Naturgewalten. Die Flüchtlingsströme, die nun in „Un homme qui crie“ dem zwiespältigen Helden in der Hauptstadt N’Djamйna entgegen treiben, sind Zeugen und bewegtes Geschichtsmaterial zugleich.
„Un homme qui crie“, spiegelt das Dilemma, in dem sich der Tschad wiederfindet – wie zuvor schon „Abouna“ und „Daratt“ – in den Konflikten der Figuren wider. 2006, bei den „Daratt“-Dreharbeiten begann auch die konkrete Vorgeschichte von „Un homme qui crie“, als Rebelleneinheiten in N’Djamйna eindrangen und das Filmteam in Angst und Schrecken versetzten, eine Erfahrung, die sich zwei Jahre später noch einmal bei Dreharbeiten zu einem von Harouns Kurzfilmen wiederholte.
Der Krieg bildet jetzt ganz explizit den drohenden Rahmen in „Un homme qui crie“, er ist von Anfang an präsent in den Propaganda-Nachrichten des Radios, während in dem Hotel die Gäste wegbleiben, in dem der alternde Held Adam (Youssouf Djaoro aus „Daratt“) und sein junger Sohn Abdel (Dioucounda Koma) als Bademeister arbeiten. Die stille Konkurrenz von Vater und Sohn um diese Stelle wird in „Un homme qui crie“ zu einer fast mörderischen Angelegenheit, als Abdel an die Front eingezogen zu werden droht, falls der Vater nicht die nötige Ablösesumme aufbringen kann, um ihn freizukaufen – es sind vielfältige Formen von Machtlosigkeit und drohender Impotenz, die Haroun hier dicht übereinander lagert. Die hilflosen Väter verschlingen ihre Kinder, freiwillig und unfreiwillig, sie zerschmettern sie, verstümmeln sie an den Fronten der Kriege, die sie ihnen hinterlassen haben. Für jene, die danach kommen, wie das noch ungeborene Enkelkind in „Un homme qui crie“, wird alles wieder Neuanfang sein.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Un homme qui crie“ im Kino in Berlin

Un homme qui crie – Ein Mann, der schreit (Un homme qui crie), Frankreich/Belgien/Tschad 2010; Regie: Mahamat-Saleh Haroun; Darsteller: Youssouf Djaoro (Adam), Dioucounda Koma (Abdel), Emile Abossolo M’bo (Chef de quartier); 92 Minuten; FSK 6

Kinostart: 7. April

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