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Unbewaffneter Kampf

tip Herr Wackernagel, wenn Sie interviewt werden, gilt dann die erste Frage immer noch der RAF?

Christof Wackernagel Natürlich. Wenn ich sage, „Ich habe erkannt, dass Gewalt kein Mittel ist – das gilt aber auch für die Bundeswehr und die Rüstungsindustrie“, dann wird der zweite Teil des Satzes gerne weggelassen. In gewisser Weise habe ich deshalb auch mein großes Romanwerk geschrieben. Wenn das veröffentlicht ist, kann ich sagen: „Lies das erst mal, und dann komm wieder.“ Und auf meiner Internetseite gibt es eine Komplett-Dokumentation: Man sieht drei RAF-Sterne, einen schwarzen, einen grauen und einen völlig verblass­ten. Unter dem schwarzen sind die Texte aus dem Prozess, im grauen die kritischen Geschichten, im verblass­ten die Analysen, die Jahre später entstanden.

tip Ist Ihr Roman autobiografisch?

Wackernagel Er bedient nicht Au­to­biogra­fisches, sondern ist der Versuch, den Geist der Zeit, dieses „Wir können die Welt verändern!“ festzuhalten. Ich habe gemerkt, dass es keine einzige Wahrheit gibt. Der Roman „Es“ ist dreiteilig: Der zweite und der dritte Teil erzählen die gleiche Geschichte noch einmal neu, aus einer völlig anderen, zum Teil widersprüchlichen Perspektive. Das Ganze ist aufgebaut auf einer Kunsttheorie, die ich habe: Kunst kommt von Traum. „Nachtträume“ ist die eine Version, mit 1764 handelnden Personen auf 650 Seiten, die zweite ist die „Halluzination“, das ist der Übergang vom Traum zur Realität, die dritte Version ist der „Tagtraum“. Viele reale Personen kommen vor, aber als Schauspieler, die eine Rolle spielen – Otto Schily etwa als Kapellmeister einer Hugo-Strasser-ähnlichen Big Band. Das ganze basiert auf Freuds „Traumdeutung“. Er sagt, der, von dem du träumst, ist nicht der, den du meinst. Das ist eine Traumtrilogie von 25 Jahren unserer Geschichte. Jetzt bin ich frei für einen neuen Anfang.

tip Kommt in Ihren Träumen die militante Zeit oft vor?

Wackernagel Ja, da mischen sich Theater, Film und Schießerei. Während der tiefsten RAF-Zeit träumte ich, ich bin Schauspieler, komme auf die Bühne und weiß meinen Text nicht – der typische Schauspie­lertraum. Umgekehrt träume ich Jahre nach der RAF, dass ich eine Bushaltestelle überfalle.

tip Im Nachwort zu Ihrer zweiten literarischen Veröffentlichung, „Bilder einer Ausstellung“, schrieb Martin Lüdtke 1986: „Seine Lebensgeschichte ließe sich, glaube ich, nicht allein durch ihre Brüche, sondern auch durch ihre Kontinuität beschreiben.“

Wackernagel Ja, ich will immer noch das Gleiche, ich will bestimm­te ungerechte Zustände ändern. Was sich geändert hat, sind die Mittel.

tip In dem Film „Der Weiße mit dem Schwarzbrot“ sieht man Sie in Ihrer Wahlheimat Mali.

Wackernagel Das ist schon ein Stück Vergangenheit, insofern als ich eher auf dem Rück­weg nach Deutschland bin, ich habe meinen Roman fertiggeschrieben. Was nicht heißt, dass ich mich von Afrika abwende. So wie ich da mein Deutschsein nicht losgeworden bin, so werde ich von jetzt an nie wieder diese afrikanische Erfahrung loswerden, werde da auch, soweit ich es mir leisten kann, noch sein. Dort lebe ich jetzt mit der ganzen Familie meines Musikerfreundes zusammen, wir sind vier Erwachsene und drei Kinder. Der Familienbegriff ist da eher weit, die sind sehr viel offener, auch gegenüber jemandem, der weiß ist. Ich habe zwischendurch auch schon wieder vor der Kamera gestanden, von „SOKO Leipzig“ über Oliver Storz’ „Drei deutsche Schwestern“ bis hin zur internationalen Fernseh-Koproduktion „Pom­pei“ in Sofia.

… Lesen Sie weiter in TIP Heft 13/08

Interview: Frank Arnold

„Der Weiße mit dem Schwarzbrot…“ im Kino

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